Der imperialistische Kapitalismus

Zurück zu AG Politische Ökonomie des Imperialismus

Konzentration der Produktion und Monopole[Bearbeiten]

Kurzdefinition

Die Konzentration der Produktion sind die durch das ungeheure Wachstum der Industrie immer größer werdenden Betriebe; das Enstehen von Großbetrieben. Gerade durch das Riesenausmaß der Betriebe wird die Konkurrenz erschwert und die Tendenz zum Monopol erzeugt. Monopol , Alleinhandel, Alleinbesitz (Gegens.: freie Konkurrenz).

Schlagworte

Monopol, Imperialismus, Konzentration, Zentralisation, Kombination, Vereinigung, Industriezweige, Profitrate, Extraprofit, Monopolbildung, Konzentration der Produktion, Marx, Form der Monopole, Ablösung alter Kapitalismus, Konkurrenz, freie Konkurrenz, Kartell, Verbände, Monopolverbände, Vergesellschaftung der Produktion, Warenproduktion, Krisen

Einordnung

Die Konzentration der Produktion und die Tendenz zum Monopol wird von Lenin in Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus dargestellt.

Annahme 1

Die freie Konkurrenz erzeugt die Konzentration und Zentralisation der Produktion und führt selbst dicht zum Monopol. Die Verwandlung der Konkurrenz in das Monopol ist die wichtigste Erscheinung in der Ökonomik des modernen Kapitalismus.


„Einige zehntausend Großbetriebe sind alles; Millionen von Kleinbetrieben sind nichts. […] Das Geldkapital und die Banken machen, wie wir sehen werden, dieses Übergewicht eines Häufleins von Großbetrieben noch erdrückender, und zwar im buchstäblichen Sinne des Wortes, d.h., Millionen kleiner, mittlerer und sogar zum Teil großer ‚Unternehmer‘ sind in Wirklichkeit von einigen hundert Millionären der Hochfinanz völlig unterjocht. […] Fast die Hälfte der Gesamtproduktion aller Betriebe des Landes liegt in den Händen eines Hundertstels der Gesamtzahl der Betriebe! Und diese dreitausend Riesenbetriebe umfassen 258 Industriezweige. Daraus erhellt, daß die Konzentration auf einer bestimmten Stufe ihrer Entwicklung sozusagen von selbst dicht an das Monopol heranführt. Denn einigen Dutzend Riesenbetrieben fällt es leicht, sich untereinander zu verständigen, während anderseits gerade durch das Riesenausmaß der Betriebe die Konkurrenz erschwert und die Tendenz zum Monopol erzeugt wird. Diese Verwandlung der Konkurrenz in das Monopol ist eine der wichtigsten Erscheinungen – wenn nicht die wichtigste – in der Ökonomik des modernen Kapitalismus, […].“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 201-202)


Annahme 2

Eine Besonderheit des Imperialismus sei die Kombination, d. h. die Vereinigung verschiedener Industriezweige in einem Unternehmen.


„[…] und anderseits ist eine äußerst wichtige Besonderheit des Kapitalismus, der die höchste Entwicklungsstufe erreicht hat, die sogenannte Kombination, d.h. die Vereinigung verschiedener Industriezweige in einem einzigen Unternehmen; diese Industriezweige bilden entweder aufeinanderfolgende Stufen der Verarbeitung des Rohstoffs (z.B. Gewinnung von Roheisen aus Erz, seine Verarbeitung zu Stahl und unter Umständen auch die Erzeugung dieser oder jener Stahlfabrikate) oder spielen in bezug [!] aufeinander eine Hilfsrolle (z.B. Verarbeitung von Abfällen oder Nebenprodukten; Herstellung von Verpackungsmaterial usw.).“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 202)


Annahme 3

Die Kombination gleiche Konjunkturunterschiede aus, sie bewirke eine stetigere Profitrate, ermögliche Extraprofite durch technische Neuerungen. Das kombinierte Werk hat eine besondere Stellung gegenüber dem „reinen“ Werk.


„‚… die Kombination‘, schreibt Hilferding, ‚gleicht Konjunkturunterschiede aus und bewirkt daher für das kombinierte Werk eine größere Stetigkeit der Profitrate. Zweitens bewirkt die Kombination Ausschaltung des Handels. Drittens bewirkt sie die Möglichkeit technischer Fortschritte und damit die Erlangung von Extraprofit gegenüber dem ‚reinen‘‘ (d.h. nicht kombinierten) ‚Werk. Viertens stärkt sie die Stellung des kombinierten Werkes gegenüber dem ‚reinen‘ im Konkurrenzkampf zur Zeit einer starken Depression‘ (Geschäftsstockung, Krise), ‚wenn die Senkung der Rohmaterialpreise nicht Schritt hält mit der Senkung der Fabrikatspreise.‘“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 202)


Annahme 4

Die Konzentration der Produktion und des Kapitals hat eine so hohe Entwicklungsstufe erreicht, dass sie Monopole schafft, die im Wirtschaftsleben die entscheidende Rolle spielen. Die Monopolbildung ist ein allgemeines Grundgesetz des Kapitalismus in seinem heutigen Stadium.
Unterschiede zwischen einzelnen kapitalistischen Ländern sind nur unwesentliche Unterschiede in der Form der Monopole oder der Zeit ihres Aufkommens.


„Vor einem halben Jahrhundert, als Marx sein ‚Kapital‘ schrieb, erschien der überwiegenden Mehrheit der Ökonomen die freie Konkurrenz als ein ‚Naturgesetz‘. Die offizielle Wissenschaft versuchte das Werk von Marx totzuschweigen, der durch seine theoretische und geschichtliche Analyse des Kapitalismus bewies, daß die freie Konkurrenz die Konzentration der Produktion erzeugt, diese Konzentration aber auf einer bestimmten Stufe ihrer Entwicklung zum Monopol führt. Das Monopol ist jetzt zur Tatsache geworden. Die Ökonomen schreiben Berge von Büchern, beschreiben die einzelnen Erscheinungsformen des Monopols und verkünden nach wie vor einstimmig, daß der ‚Marxismus widerlegt‘ sei. Aber Tatsachen sind ein hartnäckig Ding, sagt ein englisches Sprichwort, und man muß ihnen wohl oder übel Rechnung tragen. Die Tatsachen zeigen, daß die Unterschiede zwischen einzelnen kapitalistischen Ländern, z.B. in bezug [!] auf Schutzzoll oder Freihandel, bloß unwesentliche Unterschiede in der Form der Monopole oder in der Zeit ihres Aufkommens bedingen, während die Entstehung der Monopole infolge der Konzentration der Produktion überhaupt ein allgemeines Grundgesetz des Kapitalismus in seinem heutigen Entwicklungsstadium ist.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 204)


Annahme 5

Die Ablösung des alten Kapitalismus durch den Imperialismus fand Anfang des 20. Jahrhunderts statt.


„Für Europa läßt sich die Zeit der endgültigen Ablösung des alten Kapitalismus durch den neuen ziemlich genau feststellen. Es ist der Anfang des 20. Jahrhunderts.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 204-205)


Annahme 6

Die Kartelle vereinbaren Verkaufsbedingungen, Zahlungstermine und verteilen die Absatzgebiete untereinander. Sie bestimmen die Menge der zu erzeugenden Produkte. Sie setzen die Preise fest. Sie verteilen den Profit unter die einzelnen Unternehmungen. Historisch entwickeln sich die ersten Kartelle ab der Krise von 1873 und werden am Ende des 19. Jahrhunderts zu einer der Grundlagen des ganzen Wirtschaftslebens.


„Die wichtigsten Ergebnisse der Geschichte der Monopole sind demnach: 1. In den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts die höchste, äußerste Entwicklungsstufe der freien Konkurrenz; kaum merkliche Ansätze zu Monopolen. 2. Nach der Krise von 1873 weitgehende Entwicklung von Kartellen, die aber noch Ausnahmen, keine dauernden, sondern vorübergehende Erscheinungen sind. 3. Aufschwung am Ende des 19. Jahrhunderts und Krise von 1900-1903: Die Kartelle werden zu einer der Grundlagen des ganzen Wirtschaftslebens. Der Kapitalismus ist zum Imperialismus geworden.
Die Kartelle vereinbaren Verkaufsbedingungen, Zahlungstermine u.a. Sie verteilen die Absatzgebiete untereinander. Sie bestimmen die Menge der zu erzeugenden Produkte. Sie setzen die Preise fest. Sie verteilen den Profit unter die einzelnen Unternehmungen usw.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 206)


Annahme 7

Die Konkurrenz wandelt sich zum Monopol, auch die qualifizierten Arbeitskräfte werden monopolisiert. Die Folge ist die Vergesellschaftung der Produktion, insbesondere der technischen Erfindungen und Vervollkommnungen. Der Kapitalismus führt in seinem imperialistischen Stadium also bis an die allseitige Vergesellschaftung der Produktion heran, er zieht die Kapitalisten gewissermaßen ohne ihr Wissen und gegen ihren Willen in eine neue Gesellschaftsordnung hinein, die den Übergang von der völlig freien Konkurrenz zur vollständigen Vergesellschaftung bildet. Obwohl die Produktion vergesellschaft wird, bleibt die Aneignung privat, denn die gesellschaftlichen Produktionsmittel bleiben Privateigentum einer kleinen Anzahl von Personen. Auch bleibt die freie Konkurrenz mit den entstehenden Monopolen formal bestehen, sodass sich der Druck der Monopole auf die übrige Bevölkerung verstärkt.


„Darauf schloß 1905 die eine Gruppe und 1908 die andere eine Konvention mit noch je einem Großbetrieb. So entstanden zwei ‚Dreiverbände‘ mit einem Kapital von je 40-50 Millionen Mark, und zwischen diesen ‚Verbänden‘ hat bereits eine ‚Annäherung‘ in Form von ‚Verträgen‘ über Preise usw. begonnen.
Die Konkurrenz wandelte sich zum Monopol. Die Folge ist ein gigantischer Fortschritt in der Vergesellschaftung der Produktion. Im besonderen wird auch der Prozeß der technischen Erfindungen und Vervollkommnungen vergesellschaftet. Das ist schon etwas ganz anderes als die alte freie Konkurrenz zersplitterter Unternehmer, die nichts voneinander wissen und für den Absatz auf unbekanntem Markte produzieren. Die Konzentration ist so weit fortgeschritten, daß man einen ungefähren Überschlag aller Rohstoffquellen (beispielsweise der Eisenerzvorkommen) in dem betreffenden Lande und sogar, wie wir sehen werden, in einer Reihe von Ländern, ja in der ganzen Welt machen kann. Ein solcher Überschlag wird nicht nur gemacht, sondern die riesigen Monopolverbände bemächtigen sich dieser Quellen und fassen sie in einer Hand zusammen. Es wird eine annähernde Berechnung der Größe des Marktes vorgenommen, der durch vertragliche Abmachungen unter diese Verbände ‚aufgeteilt‘ wird. Die qualifizierten Arbeitskräfte werden monopolisiert, die besten Ingenieure angestellt, man bemächtigt sich der Verkehrswege und -mittel – der Eisenbahnen in Amerika, der Schiffahrtsgesellschaften in Europa und in Amerika. In seinem imperialistischen Stadium führt der Kapitalismus bis dicht an die allseitige Vergesellschaftung der Produktion heran, er zieht die Kapitalisten gewissermaßen ohne ihr Wissen und gegen ihren Willen in eine Art neue Gesellschaftsordnung hinein, die den Übergang von der völlig freien Konkurrenz zur vollständigen Vergesellschaftung bildet.
Die Produktion wird vergesellschaftet, die Aneignung jedoch bleibt privat. Die gesellschaftlichen Produktionsmittel bleiben Privateigentum einer kleinen Anzahl von Personen. Der allgemeine Rahmen der formal anerkannten freien Konkurrenz bleibt bestehen, und der Druck der wenigen Monopolinhaber auf die übrige Bevölkerung wird hundertfach schwerer, fühlbarer, unerträglicher.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 209-210)


Annahme 8

Der Kapitalismus sei so weit entwickelt, dass die Warenproduktion zwar weiter als Grundlage der Wirtschaft gelte, sie jedoch bereits untergraben sei, weil die Hauptprofite den Finanzmachenschaften und Spekulanten zufallen. Auf dieser Basis möchte die kleinbürgerlich-reaktionäre Kritik am Kapitalismus zu einer vermeintlich friedlichen Konkurrenz zurückzukehren.


„Der Kapitalismus ist so weit entwickelt, daß die Warenproduktion, obwohl sie nach wie vor ‚herrscht‘ und als Grundlage der gesamten Wirtschaft gilt, in Wirklichkeit bereits untergraben ist und die Hauptprofite den ‚Genies‘ der Finanzmachenschaften zufallen. Diesen Machenschaften und Schwindeleien liegt die Vergesellschaftung der Produktion zugrunde, aber der gewaltige Fortschritt der Menschheit, die sich bis zu dieser Vergesellschaftung emporgearbeitet hat, kommt den – Spekulanten zugute. Wir werden weiter unten sehen, wie ‚auf dieser Grundlage‘ die kleinbürgerlich-reaktionäre Kritik des kapitalistischen Imperialismus von einer Rückkehr zur ‚freien‘ [!] ‚friedlichen‘, ‚ehrlichen‘ Konkurrenz träumt.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 211)


Annahme 9

Kartelle können Krisen nicht verhindern. Im Gegenteil verschärft das Monopol den inherenten chaotischen Charakter der kapitalistischen Produktion.
Krisen, insbesondere ökonomische, verstärken im hohen Maß die Tendenz zur Konzentration und zum Monopol.


„Die Ausschaltung der Krisen durch die Kartelle ist ein Märchen bürgerlicher Ökonomen. [!] die den Kapitalismus um jeden Preis beschönigen wollen. Im Gegenteil, das Monopol, das in einigen Industriezweigen entsteht, verstärkt und verschärft den chaotischen Charakter, der der ganzen kapitalistischen Produktion in ihrer Gesamtheit eigen ist. […]
Die Krisen – jeder Art, am häufigsten ökonomische Krisen, aber nicht nur diese allein – verstärken aber ihrerseits in ungeheurem Maße die Tendenz zur Konzentration und zum Monopol.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 212-213)


Die Banken und ihre neue Rolle[Bearbeiten]

Kurzdefinition

Die grundlegende und ursprüngliche Rolle der Banken ist die Zahlungsvermittlung. Indem die Banken jedoch die Geldeinkünfte sammeln und wieder unter der Kapitalistenklasse verteilen, verwandeln sie brachliegendes Geldkapital in proftitbringendes Kapital. Dadurch wachsen die Banken von bescheidenen Vermittlern zu allmächtigen Monopolinhabern an.

Schlagworte

Zentralisation des Kapitals, Banken, Merkmal, Beteiligungssystem, Konzentration des Kapitals, Personalunion, Verschmelzung, Finanzkapital

Einordnung Die neue Rolle der Banken wird von Lenin in Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus dargestellt.

Annahme 1

Zunächst waren Banken Zahlungsvermittler. In Deutschland vollzog sich die Konzentration des Bankwesens Ende des 19. Jahrhunderts sehr schnell. Durch die Unterwerfung kleinerer Banken entstehen auch hier Monopole.
Die Zentralisation des Kapitals in wenigen Banken ist eine wesentliche Entwicklung im Imperialismus.


„Diese Verwandlung zahlreicher bescheidener Vermittler in ein Häuflein Monopolisten bildet einen der Grundprozesse des Hinüberwachsens des Kapitalismus in den kapitalistischen Imperialismus, und deshalb müssen wir in erster Linie bei der Konzentration des Bankwesens verweilen.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 214)


„Es ist klar, daß eine Bank, die an der Spitze einer solchen Gruppe steht und mit einem halben Dutzend anderer ihr wenig nachstehender Banken zum Zwecke besonders großer und vorteilhafter Finanzoperationen, wie z B. [!] Staatsanleihen, eine Verbindung eingeht, bereits über die bloße ‚Vermittler‘rolle hinausgewachsen ist und sich in eine Vereinigung eines Häufleins von Monopolisten verwandelt hat.
Mit welcher Schnelligkeit sich gerade Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts die Konzentration des Bankwesens in Deutschland vollzog, ist aus den folgenden, hier gekürzt wiedergegebenen Angaben Riessers zu ersehen:“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 216-217)

6 Berliner Großbanken hatten
Jahr Niederlassungen in Deutschland Depositenkassen und Wechselstuben Ständige Beteiligungen an deutschen Aktienbanken Summe der Anstalten
1895 16 14 1 42
1900 21 40 8 80
1911 104 276 63 450
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 217)

Annahme 2

Ein wichtiges Merkmal der modernen Monopolisierung im Bankwesen,im Unterschied zum klassischen Verschlingen der Zentralisation, ist die Konzernbildung, d.h. das Angliedern von kleinen Banken anhand von Kapitalbeteiligung, z.B. durch Aufkauf oder Austausch von Aktien oder durch ein System von Schuldverhältnissen.


„Wir haben den Hinweis auf die ‚angegliederten‘ Banken hervorgehoben, denn das gehört zu einem der wichtigsten Unterscheidungsmerkmale der modernen kapitalistischen Konzentration. Die großen Unternehmungen, besonders die Banken, verschlingen nicht nur unmittelbar die kleinen, sondern ‚gliedern‘ sie sich an, unterwerfen sie, schließen sie in ‚ihre‘ Gruppe, ihren ‚Konzern‘ – wie der technische Ausdruck lautet – ein durch ‚Beteiligung‘ an ihrem Kapital, durch Aufkauf oder Austausch von Aktien, durch ein System von Schuldverhältnissen usw. usf.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 215)


Annahme 3

Das entstehende dichte Bankennetz im Land erscheint wie eine Dezentralisation. In Wirklichlichkeit werden die lokal begrenzten Banken einem Zentrum unterworfen. Es handelt sich also um Zentralisation, und damit um eine Steigerung der Rolle und Bedeutung der Macht der Monopolriesen.
Eine Großbank hat dementsprechend nicht nur eine technische Rolle, sondern unterwirft sich Handels- und Industrieoperationen der ganzen kapitalistischen Gesellschaft durch die Kontrolle von und Informationen über Bankverbindungen und Finanzoperationen, sowie die Vergabe von Krediten.


„Wir sehen, wie schnell ein dichtes Netz von Kanälen entsteht, die das ganze Land überziehen, sämtliche Kapitalien und Geldeinkünfte zentralisieren und Tausende und aber Tausende von zersplitterten Wirtschaften in eine einzige gesamtnationale kapitalistische Wirtschaft und schließlich in die kapitalistische Weltwirtschaft verwandeln. Jene ‚Dezentralisation‘, von der Schulze-Gaevernitz als Vertreter der bürgerlichen politischen Ökonomie unserer Tage in dem oben angeführten Zitat spricht, besteht in Wirklichkeit darin, daß zunehmend immer mehr früher verhältnismäßig ‚selbständige‘ oder, richtiger gesagt, lokal begrenzte Wirtschaftseinheiten einem einzigen Zentrum unterworfen werden.
In Wirklichkeit ist das also eine Zentralisation, eine Steigerung der Rolle, der Bedeutung, der Macht der Monopolriesen. […]
Diese einfachen Zahlen zeigen wohl anschaulicher als langatmige Betrachtungen, wie sich mit der Konzentration des Kapitals und dem Wachstum des Umsatzes die Bedeutung der Banken von Grund aus ändert. Aus den zersplitterten Kapitalisten entsteht ein einziger kollektiver Kapitalist. Die Bank, die das Kontokorrent für bestimmte Kapitalisten führt, übt scheinbar eine rein technische, eine bloße Hilfsoperation aus. Sobald aber diese Operation Riesendimensionen annimmt, zeigt sich, daß eine Handvoll Monopolisten sich die Handels- und Industrieoperationen der ganzen kapitalistischen Gesellschaft unterwirft, indem sie – durch die Bankverbindungen, Kontokorrente und andere Finanzoperationen – die Möglichkeit erhält, sich zunächst über die Geschäftslage der einzelnen Kapitalisten genau zu informieren, dann sie zu kontrollieren, sie durch Erweiterung oder Schmälerung, Erleichterung oder Erschwerung des Kredits zu beeinflussen und schließlich ihr Schicksal restlos zu bestimmen, die Höhe ihrer Einkünfte zu bestimmen, ihnen Kapital zu entziehen oder ihnen die Möglichkeit zu geben, ihr Kapital rasch und in großem Umfang zu erhöhen usw.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 217-218)


Annahme 4

Mit den Banken entsteht der Form nach eine Buchführung und eine Verteilung der Produktionsmittel der gesamten Kapitalistenklasse. Formal gesehen erwächst aus den modernen Banken sogar eine allgemeine Verteilung der Produktionsmittel, denn sie sammeln auch Geldeinkünfte der kleinen Unternehmer, der Angestellten und einer winzigen oberen Schicht der Arbeiter.
Ihrem Inhalt nach ist die Verteilung der Produktionsmittel jedoch keineswegs allgemein, sondern privat und den Interessen des großen monopolistischen Kapitals angepasst.


„Mit den Banken ist ‚die Form einer allgemeinen Buchführung und Verteilung der Produktionsmittel auf gesellschaftlicher Stufenleiter gegeben, aber auch nur die Form‘, schrieb Marx vor einem halben Jahrhundert im ‚Kapital‘ (russ. Übersetzung Bd. III. Teil II, S. 144). Die von uns angeführten Daten über das Wachstum des Bankkapitals, über die Zunahme der Zahl der Filialen und Zweigstellen der Großbanken, der Zahl ihrer Konten usw. zeigen uns konkret diese ‚allgemeine Buchführung‘ der ganzen Klasse der Kapitalisten und sogar nicht nur der Kapitalisten allein, denn die Banken sammeln, sei es auch nur vorübergehend, alle möglichen Geldeinkünfte, sowohl der kleinen Unternehmer als auch der Angestellten und einer winzigen Oberschicht der Arbeiter. Eine ‚allgemeine Verteilung der Produktionsmittel‘ – das ist es, was formal gesehen aus den modernen Banken erwächst, von denen drei bis sechs Großbanken in Frankreich und sechs bis acht in Deutschland über Milliarden und aber Milliarden verfügen. Ihrem Inhalt nach aber ist diese Verteilung der Produktionsmittel keineswegs ‚allgemein‘, sondern privat, d.h., sie ist den Interessen des großen in erster Linie des allergrößten, monopolistischen Kapitals angepaßt, das unter Verhältnissen operiert, wo die Masse der Bevölkerung ein Hungerdasein fristet, die ganze Entwicklung der Landwirtschaft hinter der Entwicklung der Industrie hoffnungslos zurückbleibt und die ‚Schwerindustrie‘ sich alle übrigen Zweige der Industrie tributpflichtig macht.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 220


Annahme 5

Die Banken treten mit Industrie und Regierungen in eine Personalunion. Es findet eine gegenseitige Verschmelzung durch Aktienbesitz und Aufsichtsräte statt, da ihre Geschäftskalkulationen zu denen der Industrie und schließlich der gesamten Gesellschaft werden. Dafür werden Staatsbeamte in Aufsichtsräte von Banken geholt und genauso Banker in die Behörden gebracht.


„Zugleich entwickelt sich sozusagen eine Personalunion der Banken mit den größten Industrie- und Handelsunternehmungen, eine beiderseitige Verschmelzung durch Aktienbesitz, durch Eintritt der Bankdirektoren in die Aufsichtsräte (oder die Vorstände) der Handels- und Industrieunternehmungen und umgekehrt. Der deutsche Ökonom Jeidels hat über diese Art der Konzentration von Kapitalien und Unternehmungen genaue Daten gesammelt. […]
 Die ‚Personalunion‘ der Banken mit der Industrie findet ihre Ergänzung in der ‚Personalunion‘ der einen wie der anderen Gesellschaften mit der Regierung. Jeidels schreibt: ‚Freiwillig werden Aufsichtsratsstellen gewährt an Personen mit gutklingenden Namen, auch ehemaligen Staatsbeamten, die im Verkehr mit den Behörden manche Erleichterung (!!) schaffen können‘ … ‚Im Aufsichtsrat einer Großbank sieht man gewöhnlich … ein Parlamentsmitglied oder ein Mitglied der Berliner Stadtverwaltung‘.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 224 f.)


Annahme 6

Die Entstehungsgeschichte und der Inhalt des Begriffs des Finanzkapitals ist die Konzentration der Produktion, der daraus erwachsenden Monopole und die Verschmelzung der Banken mit der Industrie.


„Konzentration der Produktion, daraus erwachsende Monopole, Verschmelzung oder Verwachsen der Banken mit der Industrie – das ist die Entstehungsgeschichte des Finanzkapitals und der Inhalt dieses Begriffs.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 230)


Finanzkapital und Finanzoligarchie[Bearbeiten]

Kurzdefinition

Das Finanzkapital ist nicht nur Kapital in der Verfügung der Banken und in der Verwendung der Industriellen. Im Lichte der Monopolisierung ist Finanzkapital die Verschmelzung oder das Verwachsen der Banken mit der Industrie.

Schlagworte

Aktiengesellschaft, Beteiligungssystem, Finanzkapital, Finanzoligarchie, Krisen, Spekulation

Einordnung

Die Entstehung des Finanzkapitals wird von Lenin in Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus dargestellt.

Annahme 1

Für die Kontrolle einer Aktiengesellschaft ist bereits ein bestimmter Anteil am Aktienbesitz ausreichend, denn zersplitterte Kleinaktionäre haben wenig Einflussmöglichkeiten.
Die Verteilung von Anteilen an einer Aktiengesellschaft unter mehreren Aktionären nennt sich Beteiligungssystem. Die Beteiligung erscheint wie eine Demokratisierung des Aktienbesitzes, ist in Wirklichkeit jedoch ein Mittel, um die Macht der Finanzoligarchie zu vergrößern. Schließlich schützt die formale Selbstständigkeit der Tochtergesellschaften die Finanzoligarchie im Falle legal ambivalenter Geschäfte.


„In Wirklichkeit aber zeigt die Erfahrung, daß der Besitz von 40% der Aktien genügt, um die Kontrolle über eine Aktiengesellschaft zu haben, denn ein gewisser Teil der zersplitterten Kleinaktionäre hat in der Praxis gar nicht die Möglichkeit, an den Generalversammlungen teilzunehmen usw. Die ‚Demokratisierung‘ des Aktienbesitzes, von der bürgerliche Sophisten und opportunistische ‚Auch-Sozialdemokraten‘ eine ‚Demokratisierung des Kapitals‘, eine Zunahme der Rolle und Bedeutung der Kleinproduktion usw. erwarten (oder zu erwarten vorgeben), ist in Wirklichkeit eines der Mittel, die Macht der Finanzoligarchie zu vermehren. Aus diesem Grunde läßt übrigens in den fortgeschritteneren oder älteren und ‚erfahreneren‘ kapitalistischen Ländern die Gesetzgebung kleinere Aktien zu. […]
Aber das ‚Beteiligungssystem‘ dient nicht nur dazu, die Macht der Monopolisten riesenhaft zu vermehren, es ermöglicht außerdem, jede Art von dunklen und schmutzigen Geschäften straflos zu betreiben und das Publikum zu schröpfen, denn formell, nach dem Gesetz, sind die Leiter der ‚Muttergesellschaft‘ für die ‚Tochtergesellschaft‘ nichtverantwortlich, die als ‚selbständig‘ gilt und vermittels derer sich alles ‚drehen‘ läßt.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 231 f.)


Annahme 2

Die Verwaltungen der Aktiengesellschaften gehen viel eher Risiken ein, weil sie die Möglichkeit haben, sich durch Abstoßen des Aktienbesitzes aus einem krisenhaften Industriezweig einfach zurückzuziehen. Sie tragen rechtlich keinerlei Verantwortung für diesen. Profite ziehen sie trotzdem aus ihm.


„Dieses Musterbeispiel einer im Aktienwesen ganz alltäglichen Bilanz-Equilibristik macht es verständlich, warum die Verwaltungen von Aktiengesellschaften Risiken im allgemeinen viel leichteren Herzens auf sich nehmen als Privatunternehmer. Die moderne Bilanztechnik macht es ihnen nicht nur leicht, das eingegangene Risiko dem Auge des Durchschnitts-Aktionärs zu verhüllen, sondern sie gestattet den Hauptinteressenten auch, sich den Folgen eines verfehlten Experiments durch rechtzeitige Fortgabe ihres Aktienbesitzes zu entziehen, während der Privatunternehmer bei allem, was er tut, seine eigene Haut zu Markte trägt.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 233)


Annahme 3

Durch die Konzentration des Finanzkapitals in wenigen Händen zieht es kolossale Profite aus Gründungen, Emissionsgeschäften, Staatsanleihen etc. Durch die Kontrolle der gesamten Wirtschaft mitsamt des Staatshaushaltes (z. B. über Staatsanleihen) legt die Finanzoligarchie der Gesellschaft einen schweren Tribut auf.


„Das Finanzkapital, das in wenigen Händen konzentriert ist und faktisch eine Monopolstellung einnimmt, zieht kolossale und stets zunehmende Profite aus Gründungen, aus dem Emissionsgeschäft, aus Staatsanleihen usw., verankert die Herrschaft der Finanzoligarchie und legt der gesamten Gesellschaft einen Tribut zugunsten der Monopolisten auf.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 236)


Annahme 4

Während in Aufschwungsphasen das Finanzkapital hohe Profite erzielt, werden in Krisenzeiten kleine und schwach Unternehmungen zerstört, Großbanken 'beteiligen sich' beim Aufkauf dieser Unternehmungen zu billigen Preisen oder an deren profitablen 'Sanierung' oder 'Reorganisierung'. Krisen sind der Monopolstellung der Banken doppelt nützlich: sie sind profitabel und verstärken die Abhängigkeit der Unternehmen.


„Während zur Zeit des industriellen Aufschwungs die Profite des Finanzkapitals unerhört groß sind, gehen in Zeiten des Niedergangs die kleinen und schwachen Unternehmungen zugrunde, die Großbanken aber ‚beteiligen sich‘ dann an deren Aufkauf zu Spottpreisen oder an profitablen ‚Sanierungen‘ und ‚Reorganisationen‘. Bei den ‚Sanierungen‘ der mit Verlust arbeitenden Unternehmungen wird ‚das Aktienkapital herabgesetzt; das heißt, das Erträgnis verteilt sich auf ein geringeres Kapital, ist diesem alsdann angemessen. Oder wenn kein Erträgnis da ist, so wird neues Kapital aufgebracht, das, mit dem minderbewerteten alten zusammengenommen, nunmehr genügenden Ertrag abwirft. Nebenbei‘, fügt Hilferding hinzu, ‚sei bemerkt, daß diese Sanierungen und Reorganisationen für die Banken von doppelter Bedeutung sind: erstens als gewinnbringendes Geschäft und zweitens als eine Gelegenheit, solche notleidenden Gesellschaften von sich in Abhängigkeit zu bringen.‘“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 238-239)


Annahme 5

Das Bankmonopol und Monopole der Grundrenten und des Verkehrswesens verschmelzen miteinanander, indem Banken an Verkehrsgesellschaften beteiligt sind und mit Direktorenposten verbunden werden. Dementsprechend ist die Spekulation mit Grundstücken schnell wachsender Großstädte für das Finanzkapital besonders gewinnbringend, auch weil sie Preise der Grundstücke steigern können und durch gute Verkehrsanbindung die Verkaufsbedingungen verbessern. Diese Art von Geschäften sind ein Einfallstor für staatliche Korruption.


„Eine besonders gewinnbringende Transaktion des Finanzkapitals ist auch die Spekulation mit Grundstücken in der Umgebung schnell wachsender Großstädte. Das Bankmonopol verschmilzt hier mit den Monopolen der Grundrente und des Verkehrswesens, denn das Steigen der Preise für Grundstücke, die Möglichkeit, diese in Parzellen günstig zu verkaufen u.a.m., hängt vor allem von der guten Verkehrsverbindung mit dem Zentrum der Stadt ab, und diese Verkehrsmittel befinden sich in den Händen großer Gesellschaften, die durch das Beteiligungssystem und die Verteilung von Direktorenposten mit eben denselben Banken verbunden sind. So entsteht das, was der deutsche Schriftsteller L. Eschwege, ein Mitarbeiter der Zeitschrift ‚Die Bank‘, der den Terrainhandel, die Verpfändung von Grundstücken usw. speziell studierte, den ‚Sumpf‘ genannt hat: wahnwitzige Spekulation mit Vorortgrundstücken, Zusammenbrüche von Baufirmen, wie der Berliner Firma Boswau & Knauer, die ein Kapital von ungefähr 100 Millionen Mark zusammengerafft hatte, und zwar durch Vermittlung der ‚höchst soliden und großen‘ ‚Deutschen Bank‘, die natürlich nach dem ‚Beteiligungs‘system, d.h. insgeheim, hinterrücks, tätig war und sich nach Einbuße von ‚bloß‘ 12 Millionen Mark aus der Affäre zog; ferner Ruinierung von kleinen Unternehmern und Arbeitern, die von den Schwindelfirmen des Baugewerbes nichts erhalten; dazu betrügerische Abmachungen mit der ‚ehrlichen‘ Berliner Polizei und den Verwaltungsorganen, um sich des Auskunftswesens im Baugewerbe und der Baubewilligung der Stadtverwaltung zu bemächtigen usw. usf.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 239-240)


Der Kapitalexport[Bearbeiten]

Kurzdefinition

Kapitalexport ist eigentlich die Steigerung der Profite durch Export von Kapital in rückständige Länder. Dies ist möglich, weil in den rückständigen Ländern der Profit gewöhnlich hoch ist, denn es gibt dort weniger Kapital, die Bodenpreise sind verhältnismäßig günstiger, die Löhne niedrig und die Rohstoffe billig. Die Möglichkeit der Kapitalausfuhr wird dadurch geschaffen, dass eine Reihe rückständiger Länder breits in den Kreislauf des Weltkapitalismus hineingezogen sind. Die Notwendigkeit des Kapitalexports wird dadurch geschaffen, dass in einigen Ländern der Kapitalismus "überreif" geworden ist und dem Kapital ein Spielraum für rentable Betätigung fehlt.


Schlagworte

Warenexport, Kapitalexport, Kapitalüberschuss, Anleihen, Kreditvergabe, Finanzkapital


Einordnung

Die Enstehung von Kapitalüberschuss, die Möglichkeit und Notwendigkeit von Kapitalexport wird von Lenin in Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus dargestellt.


Annahme 1

Für den Kapitalismus der freien Konkurrenz war der Export von Waren kennzeichnend, für den Monopolkapitalismus ist es der Export von Kapital.


„Für den alten Kapitalismus, mit der vollen Herrschaft der freien Konkurrenz, war der Export von Waren kennzeichnend. Für den neuesten Kapitalismus, mit der Herrschaft der Monopole, ist der Export von Kapital kennzeichnend geworden.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 244)


Annahme 2

Es entstehen in allen Ländern des entwickelten Kapitalismus Monopolverbände. Außerdem entwickelt sich eine Monopolstellung der wenigen überaus reichen Länder, deren Kapital gewaltige Ausmaße annimmt. Es kommt zu einem extremen Kapitalüberschuss in den fortgeschrittenen Ländern.


„An der Schwelle des 20. Jahrhunderts sehen wir die Bildung von Monopolen anderer Art: erstens Monopolverbände der Kapitalisten in allen Ländern des entwickelten Kapitalismus; zweitens Monopolstellung der wenigen überaus reichen Länder, in denen die Akkumulation des Kapitals gewaltige Ausmaße erreicht hat. Es entstand ein ungeheurer ‚Kapitalüberschuß‘ in den fortgeschrittenen Ländern.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 245)


Annahme 3

Die ökonomische Grundlage des Kapitalexports ist der Kapitalüberschuss in den am weitesten fortgeschrittenen Ländern. Dieser entsteht durch die Unmöglichkeit, Kapital in der heimischen Nationalökonomie noch weiter rentabel anzulegen. Dieser Kapitalüberschuss kann nicht, wie einige bürgerliche Ökonomen meinen, für die Hebung der Lebenshaltung der Bevölkerung genutzt werden, da dies eine Minderung der Profite der Kapitalisten bedeuten würde. Das überschüssige Kapital muss für die weitere Verwertung in Länder exportiert werden, in denen Löhne niedrig, Bodenpreise und Rohstoffe günstig sind.
Rückständige Länder werden in den Kreislauf des Weltkapitalismus hineingezogen.


„Aber dann wäre der Kapitalismus nicht Kapitalismus, denn die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung wie das Hungerdasein der Massen sind wesentliche, unvermeidliche Bedingungen und Voraussetzungen dieser Produktionsweise. Solange der Kapitalismus Kapitalismus bleibt, wird der Kapitalüberschuß nicht zur Hebung der Lebenshaltung der Massen in dem betreffenden Lande verwendet – denn das würde eine Verminderung der Profite der Kapitalisten bedeuten –, sondern zur Steigerung der Profite durch Kapitalexport ins Ausland, in rückständige Länder. In diesen rückständigen Ländern ist der Profit gewöhnlich hoch, denn es gibt dort wenig Kapital, die Bodenpreise sind verhältnismäßig nicht hoch, die Löhne niedrig und die Rohstoffe billig. Die Möglichkeit der Kapitalausfuhr wird dadurch geschaffen, das eine Reihe rückständiger Länder bereits in den Kreislauf des Weltkapitalismus hineingezogen ist, die Hauptlinien der Eisenbahnen bereits gelegt oder in Angriff genommen, die elementaren Bedingungen der industriellen Entwicklung gesichert sind usw. Die Notwendigkeit der Kapitalausfuhr wird dadurch geschaffen, das in einigen Ländern der Kapitalismus ‚überreif‘ geworden ist und dem Kapital (unter der Voraussetzung der Unentwickeltheit der Landwirtschaft und der Armut der Massen) ein Spielraum für ‚rentable‘ Betätigung fehlt.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 245)


Annahme 4

Die gewöhnlichste Praktik des imperialistischen Finanzkapitals ist die Schaffung einer wirtschaftlichen Abhängigkeit durch Kreditvergabe. Dafür werden Anleihen für den Aufbau wirtschaftlicher Strukturen im Ausland unter den Bedingungen des kreditgebenden Landes vergeben. Diese Bedingungen sind ebensolche, die optimal für eine spätere Verwertung des eingesetzten Kapitals sind.
Kapitalexport wird zu einem Mittel, den Warenexport zu fördern.


„Das Finanzkapital erzeugte die Epoche der Monopole. Die Monopole sind aber überall Träger monopolistischer Prinzipen: An Stelle der Konkurrenz auf offenem Markt tritt die Ausnutzung der ‚Verbindungen‘ zum Zweck eines profitablen Geschäftes. Die gewöhnlichste Erscheinung ist: Bei einer Anleihe wird zur Bedingung gemacht, daß ein Teil der Anleihe zum Kauf von Erzeugnissen des kreditgebenden Landes, vor allem von Waffen, Schiffen usw. verausgabt wird. Frankreich hat in den letzten zwei Jahrzehnten (1890-1910) sehr oft zu diesem Mittel gegriffen. Der Kapitalexport wird zu einem Mittel, den Warenexport zu fördern. Die Abmachungen zwischen den besonders großen Unternehmungen sind dabei derart, daß sie, wie Schilder ‚gelinde‘ sagte ‚an Korruption gemahnen‘. Krupp in Deutschland, Schneider in Frankreich, Armstrong in England – das sind Musterbeispiele von Firmen, die mit den Riesenbanken und der Regierungen in enger Verbindung stehen und beim Abschluß von Anleihen nicht so leicht ‚umgangen‘ werden können.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 248)


„Auf diese Weise wirft das Finanzkapital im buchstäblichen Sinne des Wortes seine Netze über alle Länder der Welt aus. Eine große Rolle spielen dabei die in den Kolonien gegründeten Banken und ihre Niederlassungen.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 249)


Annahme 5

Im übertragenden Sinne haben die kapitalexportierenden Länder die Welt unter sich aufgeteilt. Das Finanzkapital führt zur direkten Aufteilung der Welt.


„Die kapitalexportierenden Länder haben, im übertragenden Sinne, die Welt unter sich verteilt. Aber das Finanzkapital führte auch zur direkten Aufteilung der Welt.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 249)


Die Aufteilung der Welt unter die Kapitalistenverbände[Bearbeiten]

Kurzdefinition

Kapitalistenverbände bezeichnet im Allgemeinen die unterschiedlichen Zusammenschlüsse der Kapitalien um gemeinsam aus einer Monopolstellung zu agieren. Dabei kann die Art und die Form der Zusammenarbeit stark variieren. Verschiedene Unternehmen können zu einem Trust oder Konzern verschmelzen. Während bei einem Trust ein neues Unternehmen entsteht, bleiben in einem Konzern die Unternehmen selbstständig, arbeiten aber unter einer einheitlichen Leitung. Unternehmen können auch ohne formal-juristische Formänderung zu einem Kartell zusammenschließen. Dies bedeutet, dass sie meistens innerhalb einer Branche vertraglich Absprachen halten um den Wettbewerb untereinander zu begrenzen. Das Syndikat ist eine besondere Form des Kartells, welches insbesondere die Preise und den Absatz der Mitglieder bestimmt. Ausschlaggebend ist jedoch die Zusammenarbeit der Kapitalien im Sinne eines Monopols.

Schlagworte

Kartelle, Syndikate, Trusts, Kapitalistenverbände, Monopolverbände, Ungleichmäßige Entwicklung, Neuaufteilung, Ultraimperialismus, Kautsky

Annahme 1

Der Binnenmarkt hängt untrennbar mit dem Weltmarkt zusammen. Der wachsende Kapitalexport schafft den Weltmarkt und führt zu Abmachungen der kapitalexportierenden Monopolkapitale und damit zu Bildung von internationalen Kartellen.


„Die Monopolverbände der Kapitalisten – die Kartelle, Syndikate und Trusts – teilen vor allem den ganzen Binnenmarkt unter sich auf, indem sie die Produktion des betreffenden Landes mehr oder weniger vollständig an sich reißen. Aber der Binnenmarkt hängt unter dem Kapitalismus untrennbar mit dem Außenmarkt zusammen. Der Kapitalismus hat längst den Weltmarkt geschaffen. Und in dem Maße, wie der Kapitalexport wuchs und die ausländischen und kolonialen Verbindungen und ‚Einflußsphären‘ der riesigen Monopolverbände sich in jeder Weise erweiterten, kam es ‚natürlicherweise‘ unter ihnen zu Abmachungen im Weltmaßstab, zur Bildung von internationalen Kartellen.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 250)


Annahme 2

Die Konkurrenz gegen einheitlich und weltweit handelnde Trusts ist schwer. Eine Aufteilung der Branche weltweit unter zwei mächtige Trusts schließt Neuaufteilung nicht aus, sobald das Kräfteverhältnis infolge der ungleichmäßigen Entwicklung, oder infolge von Kriegen, Zusammenbrüchen etc. sich ändert.


„Man versteht ohne weiteres, wie schwierig die Konkurrenz gegen diesen faktisch einheitlichen, die gesamte Welt umspannenden Trust ist, der über ein Kapital von mehreren Milliarden verfügt und seine ‚Niederlassungen‘, Vertretungen, Agenturen, Verbindungen an allen Ecken und Enden der Welt hat. Aber eine Aufteilung der Welt unter zwei mächtige Trusts schließt natürlich eine Neuaufteilung nicht aus, sobald das Kräfteverhältnis – infolge der ungleichmäßigen Entwicklung, von Kriegen, Zusammenbrüchen usw. – sich ändert.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 252)


Annahme 3

Bürgerliche Schriftsteller (auch Kautsky) behaupten, dass internationale Kartelle die Erhaltung des Friedens erhoffen lassen. Das ist theoretisch Unsinn und praktisch Sophismus, eine unehrliche Methode, den schlimmsten Opportunismus zu verteidigen.
Internationale Kartelle zeigen, bis zu welchem Grad Monopole angewachsen sind und worum es im Kampf zwischen den Kapitalistenverbänden geht.
Die Form des Kampfes kann sich ändern, aber das Wesen und sein Klasseninhalt nicht.
Es ist im Interesse der deutschen Bourgeoisie, den Inhalt des ökonomischen Kampfes (Teilung der Welt) zu vertuschen und nur die Form des Kampfes hervorzukehren.
Kapitalisten teilen die Welt unter sich auf, weil die Stufe der Konzentration sie dazu zwingt. Die Aufteilung wird nach Macht – nach Kapital – vorgenommen.
Macht wechselt aber mit der ökonomischen und politischen Entwicklung.
Um Machtverschiebungen zu verstehen, muss man wissen, ob sie ökonomischer oder außerökonomischer Natur (Krieg) sind. Aber das ist eine nebensächliche Frage. Es ändert nichts an der grundlegenden Anschauung über die jüngste Epoche des Kapitalismus.
Die Frage nach dem Inhalt des Kampfes und der Vereinbarungen zwischen den Kapitalistenverbänden durch die Frage nach der Form zu ersetzen, heißt zum Sophismus abzugleiten.
Unter den Kapitalistenverbänden bilden sich bestimmte Beziehungen auf dem Boden der ökonomischen Aufteilung der Welt heraus. Daneben und im Zusammenhang damit bilden sich zwischen den politischen Verbänden, den Staaten, bestimmte Beziehungen auf dem Boden der territorialen Aufteilung der Welt heraus.


„Manche bürgerliche Schriftsteller (denen sich jetzt auch K. Kautsky zugesellt hat, der seiner marxistischen Einstellung, z.B. von 1909, völlig untreu geworden ist) gaben der Meinung Ausdruck, daß die internationalen Kartelle, als eine der am klarsten ausgeprägten Erscheinungsformen der Internationalisierung des Kapitals, die Erhaltung des Friedens zwischen den Völkern im Kapitalismus erhoffen lassen. Diese Ansicht ist theoretisch völlig unsinnig und praktisch ein Sophismus, eine unehrliche Methode, den schlimmsten Opportunismus zu verteidigen. Die internationalen Kartelle zeigen, bis zu welchem Grade die kapitalistischen Monopole jetzt angewachsen sind und worum der Kampf zwischen den Kapitalistenverbänden geht. Dieser letzte Umstand ist der wichtigste; nur er allein macht uns den historisch-ökonomischen Sinn des Geschehens klar, denn die Form des Kampfes kann wechseln und wechselt beständig aus verschiedenen, verhältnismäßig untergeordneten und zeitweiligen Gründen, aber das Wesen des Kampfes, sein Klasseninhalt, kann sich durchaus nicht ändern, solange es Klassen gibt. Selbstverständlich liegt es im Interesse z.B. der deutschen Bourgeoisie, auf deren Seite dem Wesen der Sache nach Kautsky in seinen theoretischen Darlegungen übergegangen ist (wovon noch die Rede sein wird), den Inhalt des heutigen ökonomischen Kampfes (Teilung der Welt) zu vertuschen und bald diese, bald jene Form des Kampfes hervorzukehren. Denselben Fehler begeht Kautsky. Und es handelt sieh [!] natürlich nicht um die deutsche, sondern um die internationale Bourgeoisie. Die Kapitalisten teilen die Welt nicht etwa aus besonderer Bosheit unter sich auf, sondern weil die erreichte Stufe der Konzentration sie zwingt, diesen Weg zu beschreiten, um Profite zu erzielen; dabei wird die Teilung ‚nach dem Kapital‘, ‚nach der Macht‘ vorgenommen – eine andere Methode der Teilung kann es im System der Warenproduktion und des Kapitalismus nicht geben. Die Macht aber wechselt mit der ökonomischen und politischen Entwicklung; um zu begreifen, was vor sich geht, muß man wissen, welche Fragen durch Machtverschiebungen entschieden werden; ob diese Verschiebungen nun ‚rein‘ ökonomischer Natur oder außerökonomischer (z.B. militärischer) Art sind, ist eine nebensächliche Frage, die an den grundlegenden Anschauungen über die jüngste Epoche des Kapitalismus nichts zu ändern vermag. Die Frage nach dem Inhalt des Kampfes und der Vereinbarungen zwischen den Kapitalistenverbänden durch die Frage nach der Form des Kampfes und der Vereinbarungen (heute friedlich, morgen nicht friedlich, übermorgen wieder nicht friedlich) ersetzen heißt zum Sophisten herabsinken.
Die Epoche des jüngsten Kapitalismus zeigt uns, daß sich unter den Kapitalistenverbänden bestimmte Beziehungen herausbilden auf dem Boden der ökonomischen Aufteilung der Welt, daß sich aber daneben und im Zusammenhang damit zwischen den politischen Verbänden, den Staaten, bestimmte Beziehungen herausbilden auf dem Boden der territorialen Aufteilung der Welt, des Kampfes um die Kolonien, ‚des Kampfes um das Wirtschaftsgebiet‘“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 257-258)


Annahme 4

Kolonialpolitik hat die Besitzergreifung unbesetzter Länder durch die kapitalistischen Länder beendet, die Welt ist aufgeteilt. Es kommen nur noch Neuaufteilungen in Frage.
Das ist die Epoche der kolonialen Weltpolitik, die aufs engste verknüpft ist mit dem Finanzkapital.


„In dem Sinne, daß die Kolonialpolitik der kapitalistischen Länder die Besitzergreifung unbesetzter Länder auf unserem Planeten beendet hat. Die Welt hat sich zum erstenmal [!] als bereits aufgeteilt erwiesen, so daß in der Folge nur noch Neuaufteilungen in Frage kommen, d.h. der Übergang von einem ‚Besitzer‘ auf den anderen, nicht aber die Besitzergreifung herrenlosen Landes.
Wir leben folglich in einer eigenartigen Epoche der kolonialen Weltpolitik, die aufs engste verknüpft ist mit ‚der jüngsten Entwicklungsstufe des Kapitalismus‘, mit dem Finanzkapital.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 259)


Die Aufteilung der Welt unter die Großmächte[Bearbeiten]

Kurzdefinition

Eines der grundlegenden Merkmale des Imperialismus ist die Aufteilung der Welt unter den kapitalistischen Großmächten. Die territoriale Aufteilung der Welt ist im Imperialismus abgeschlossen, die Kämpfe werden nun verschärft um die Neuaufteilung der Welt geführt. Das Finanzkapital ist eine solch gewaltige ökonomische Macht, dass es politisch unabhängige Staaten ebenso unterwerfen kann wie Kolonien. Dadurch entstehen viele verschiedene Übergangsformen der staatlichen, finanziellen und diplomatischen Abhängigkeit.

Schlagworte

Neuaufteilung, Finanzkapital, Kolonien, Opportunismus, Syndikate, Trusts, Kautsky, Merkmale

Einordnung

Der Vorgang der (Neu-)Aufteilung der Welt unter die Großmächte wird von Lenin in Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus dargestellt.

Annahme 1

Der Übergang zum Stadiums des Monopolkapitalismus, des Finanzkapitals ist verknüpft mit der Verschärfung des Kampfes um die Aufteilung der Welt.


„Unzweifelhaft ist daher die Tatsache, daß der Übergang des Kapitalismus zum Stadium des Monopolkapitalismus, zum Finanzkapital, mit einer Verschärfung des Kampfes um die Aufteilung der Welt verknüpft ist.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 260)


Annahme 2

Unterwerfung unabhängiger Staaten unter das Finanzkapital, insbesondere halbkolonialer Länder: Das Finanzkapital mit seiner weltumspannenden Macht ist imstande, politisch unabhängige Staaten zu unterwerfen. Die größten Vorteile für das Finanzkapital ergeben sich dabei aus der Unterwerfung unabhängiger Staaten durch Verlust ihrer politischen Unabhängigkeit. Neben vollständig unterworfenen Staaten existieren dabei als "Mittelding" halbkoloniale Länder mit Übergangsstadien politischer Unabhängigkeit. Diese sind formal unabhängig, jedoch in ein Netz finanzieller und diplomatischer Zusammenhänge verstrickt und damit in Wirklichkeit abhängig vom imperialistischen Finanzkapital.


„Das Finanzkapital ist eine so gewaltige, man darf wohl sagen, entscheidende Macht in allen ökonomischen und in allen internationalen Beziehungen, daß es sich sogar Staaten unterwerfen kann und tatsächlich auch unterwirft, die volle politische Unabhängigkeit genießen; wir werden sogleich Beispiele dafür sehen. Aber selbstverständlich bietet dem Finanzkapital die meisten ‚Annehmlichkeiten‘ und die größten Vorteile eine solche Unterwerfung, die mit dem Verlust der politischen Unabhängigkeit der Länder und Völker, die unterworfen werden, verbunden ist. Die halbkolonialen Länder sind in dieser Beziehung als ‚Mittelding‘ typisch. Der Kampf um diese halbabhängigen Länder mußte begreiflicherweise besonders akut werden in der Epoche des Finanzkapitals, als die übrige Welt bereits aufgeteilt war.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 264)


Annahme 3

Häufig beschränken sich Analysen der Weltpolitik auf eine reine Formanalyse: Der Imperialismus der heutigen Zeit wird mit historisch anderen Beispielen wie dem Römischen Reich verglichen, als sei damit irgendetwas erklärt. Eine solche Kritik ist zwangsläufig opportunistisch, da sie vom Klassencharakter des Imperialismus absieht und damit den wahren Gegner nicht erkennt: Die Monopolverbände in ihrer weltweiten Konkurrenz.
Grundlegende Besonderheit des modernen Kapitalismus ist die Herrschaft der Monopolverbände. Diese Monopole sind am festesten, wenn alle Rohstoffquellen in einer Hand zusammengefasst werden.
Kolonialbesitz bietet volle Gewähr über den Erfolg der Monopole.
Je höher entwickelt der Kapitalismus, je stärker der Rohstoffmangel, die Konkurrenz und die Jagd nach Rohstoffquellen in der ganzen Welt ausgeprägt sind, desto erbitterter ist der Kampf um Kolonien.


„Kolonialpolitik und Imperialismus hat es auch vor dem jüngsten Stadium des Kapitalismus und sogar vor dem Kapitalismus gegeben. Das auf Sklaverei beruhende Rom trieb Kolonialpolitik und war imperialistisch. Aber ‚allgemeine‘ Betrachtungen über den Imperialismus, die den radikalen Unterschied zwischen den ökonomischen Gesellschaftsformationen vergessen oder in den Hintergrund schieben, arten unvermeidlich in leere Banalitäten oder Flunkereien aus, wie etwa der Vergleich des ‚größeren Rom mit dem größeren Britannien‘. Selbst die kapitalistische Kolonialpolitik der früheren Stadien des Kapitalismus unterscheidet sich wesentlich von der Kolonialpolitik des Finanzkapitals.
Die grundlegende Besonderheit des modernen Kapitalismus ist die Herrschaft der Monopolverbände der Großunternehmer. Derartige Monopole sind am festesten, wenn alle Rohstoffquellen in einer Hand zusammengefaßt werden, und wir haben gesehen, wie eifrig die internationalen Kapitalistenverbände bemüht sind, dem Gegner jede Konkurrenz unmöglich zu machen, wie eifrig sie bemüht sind, z.B. Eisenerzlager oder Petroleumquellen usw. aufzukaufen. Einzig und allein der Kolonialbesitz bietet volle Gewähr für den Erfolg der Monopole gegenüber allen Zufälligkeiten im Kampfe mit dem Konkurrenten – bis zu einer solchen Zufälligkeit einschließlich, daß der Gegner auf den Wunsch verfallen könnte, sich hinter ein Gesetz über ein Staatsmonopol zu verschanzen. Je höher entwickelt der Kapitalismus, je stärker fühlbar der Rohstoffmangel, je schärfer ausgeprägt die Konkurrenz und die Jagd nach Rohstoffquellen in der ganzen Welt sind, desto erbitterter ist der Kampf um die Erwerbung von Kolonien.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 264-265)


Annahme 4

Hinweise, man könne Rohstoffe auf dem freien Markt ohne kostspielige Kolonialpolitik erhalten und das Angebot durch Steigerung der Landwirtschaft steigern, lassen die wichtigste Besonderheit – das Monopol – außer Acht. Der freie Markt rückt in die Vergangenheit, Syndikate und Trusts engen ihn von Tag zu Tag ein.
Eine Hebung der Landwirtschaft würde die Hebung des Lebensstandards der Bevölkerung bedeuten. Das wäre aber eine Erhöhung der Löhne.
Trusts, die fähig wären, sich um die Lage der Massen zu kümmern, sind Phantasie süßlicher Reformer.


„Natürlich versuchen bürgerliche Reformer, darunter besonders die Kautskyaner von heute, die Bedeutung derartiger Tatsachen durch den Hinweis abzuschwächen, daß man Rohstoffe ohne die ‚kostspielige und gefährliche‘ Kolonialpolitik auf dem freien Markt erhalten ‚könne‘, daß man das Angebot an Rohstoffen durch ‚einfache‘ Hebung der Landwirtschaft überhaupt gewaltig steigern ‚könne‘. Aber derartige Hinweise verwandeln sich in eine Apologie des Imperialismus, in dessen Beschönigung, denn sie beruhen auf der Außerachtlassung der wichtigsten Besonderheit des modernen Kapitalismus: der Monopole. Der freie Markt rückt immer mehr in die Vergangenheit, monopolistische Syndikate und Trusts engen ihn von Tag zu Tag mehr ein, die ‚einfache‘ Hebung der Landwirtschaft aber läuft auf eine Hebung der Lage der Massen, auf eine Erhöhung der Löhne und eine Verminderung des Profits hinaus. Wo existieren jedoch, außer in der Phantasie süßlicher Reformer, Trusts, die fähig wären, sich um die Lage der Massen zu kümmern, anstatt Kolonien zu erobern?“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 265)


Annahme 5

Das Finanzkapital des Imperialismus muss sich die Welt ökonomisch und politisch aufteilen. In diesem Prozess schafft es sich verschiedene Formen der staatlichen Abhängigkeiten, die im Unterschied zum einfachen System der zwei Hauptgruppen (mit Ländern, die Kolonien besitzen und den Kolonien selber) die Abhängigkeiten stark verdecken können, z. B. hinter der formalen Souveränität der eigentlich abhängigen Länder.
Diese sind in ein Netz finanzieller und diplomatischer Abhängigkeit verstrickt.


„Spricht man von der Kolonialpolitik in der Epoche des kapitalistischen Imperialismus, dann muß bemerkt werden, daß das Finanzkapital und die ihm entsprechende internationale Politik, die auf einen Kampf der Großmächte um die ökonomische und politische Aufteilung der Welt hinausläuft, eine ganze Reihe von Übergangsformen der staatlichen Abhängigkeit schaffen. Typisch für diese Epoche sind nicht nur die beiden Hauptgruppen von Ländern – die Kolonien besitzenden und die Kolonien selber –, sondern auch die verschiedenartigen Formen der abhängigen Länder, die politisch, formal selbständig, in Wirklichkeit aber in ein Netz finanzieller und diplomatischer Abhängigkeit verstrickt sind.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 267)


Annahme 6

Deshalb muss man − ohne zu vergessen, dass alle Definitionen überhaupt nur bedingte und relative Bedeutung haben, da eine Definition niemals die allseitigen Zusammenhänge einer Erscheinung in ihrer vollen Entfaltung umfassen kann − eine solche Definition des Imperialismus geben, die folgende fünf seiner grundlegenden Merkmale enthalten würde:


„Deshalb muß man – ohne zu vergessen, daß alle Definitionen überhaupt nur bedingte und relative Bedeutung haben, da eine Definition niemals die allseitigen Zusammenhänge einer Erscheinung in ihrer vollen Entfaltung umfassen kann – eine solche Definition des Imperialismus geben, die folgende fünf seiner grundlegenden Merkmale enthalten würde:
1. Konzentration der Produktion und des Kapitals, die eine so hohe Entwicklungsstufe erreicht hat, daß sie Monopole schafft, die im Wirtschaftsleben die entscheidende Rolle spielen; 2. Verschmelzung des Bankkapitals mit dem Industriekapital und Entstehung einer Finanzoligarchie auf der Basis dieses ‚Finanzkapitals‘; 3. der Kapitalexport, zum Unterschied vom Warenexport, gewinnt besonders wichtige Bedeutung; 4. es bilden sich internationale monopolistische Kapitalistenverbände, die die Welt unter sich teilen, und 5. die territoriale Aufteilung der Erde unter die kapitalistischen Großmächte ist beendet. Der Imperialismus ist der Kapitalismus auf jener Entwicklungsstufe, wo die Herrschaft der Monopole und des Finanzkapitals sich herausgebildet, der Kapitalexport hervorragende Bedeutung gewonnen, die Aufteilung der Welt durch die internationalen Trusts begonnen hat und die Aufteilung des gesamten Territoriums der Erde durch die größten kapitalistischen Länder abgeschlossen ist.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 270-271)


Der Imperialismus als besonderes Stadium des Kapitalismus[Bearbeiten]

Kurzdefinition

Charakteristisch für den Imperialismus als besonderes Stadium des Kapitalismus ist die Entstehung von Finanzkapital, welches nicht nur Agrarregionen, sondern auch Industriegebiete unterwirft. Die Neuaufteilung der Welt zwingt imperialistische Staaten, beliebige Länder in Abhängigkeit zu bringen. Das Finanzkapital verschärft die Widersprüche im Imperialismus, und seine Aggressivität ist nicht nur politisch, sondern auch ökonomisch zu begründen. Eine Trennung von imperialistischer Politik und Ökonomie kommt zwingend zu falschen Analysen. Im Imperialismus kann es zu Stagnation und Fäulnis kommen, da Monopole Preise künstlich festsetzen und den technologischen Fortschritt vorübergehend aufhalten können.

Schlagworte

Finanzkapital, Annexion, Fäulnis, Obsolenz, Stagnation, Fortschritt

Einordnung

Die Besonderheit des Imperialismus als jüngstes Stadium des Kapitalismus wird von Lenin in Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus dargestellt.

Annahme 1

Für den Imperialismus ist die Entstehung des Finanzkapitals charakteristisch und dass nicht mehr nur einfache Agrarregionen, sondern auch hochentwickeltere Industriegebiete mit ihrem Finanzkapital annektiert werden. Kautskys Annahme, es gehe nur um die Annexion ländlicher Gebiete für die Ausweitung der Industrie, ist historisch und theoretisch falsch: das Finanzkapital sucht im Imperialismus Anlagemöglichkeiten in bereits bestehenden Industrien und zielt nicht auf eine Entwicklung unterentwickelter Gebiete ab. Die abgeschlossene Aufteilung der Erde zwingt bei Neuaufteilungen, die Hand nach jedem beliebigen Land auszustrecken.
Dabei geht es im Wettbewerb der imperialistischen Staaten auch vor allem um die Schwächung des Konkurrenten durch Untergrabung seiner Hegemonie in einem anderen Land.


„Imperialismus ist Drang nach Annexionen – darauf läuft der politische Teil der Kautskyschen Definition hinaus. Er ist richtig, aber höchst unvollständig, denn politisch ist Imperialismus überhaupt Drang nach Gewalt und Reaktion. Uns beschäftigt jedoch hier die ökonomische Seite der Frage, die Kautsky selbst in seine Definition hineingebracht hat. Die Unrichtigkeiten in Kautskys Definition springen in die Augen. Für den Imperialismus ist ja gerade nicht das Industrie-, sondern das Finanzkapital charakteristisch. Es ist kein Zufall, daß in Frankreich gerade die besonders rasche Entwicklung des Finanzkapitals bei gleichzeitiger Schwächung des Industriekapitals seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts eine äußerste Verschärfung der annexionistischen (Kolonial-) Politik hervorgerufen hat. Für den Imperialismus ist gerade das Bestreben charakteristisch, nicht nur agrarische Gebiete, sondern sogar höchst entwickelte Industriegebiete zu annektieren (Deutschlands Gelüste auf Belgien, Frankreichs auf Lothringen), denn erstens zwingt die abgeschlossene Aufteilung der Erde, bei einer Neuaufteilung die Hand nach jedem beliebigen Land auszustrecken, und zweitens ist für den Imperialismus wesentlich der Wettkampf einiger Großmächte in ihrem Streben nach Hegemonie, d.h. nach der Eroberung von Ländern, nicht so sehr direkt für sich als vielmehr zur Schwächung des Gegners und Untergrabung seiner Hegemonie (für Deutschland ist Belgien von besonderer Wichtigkeit als Stützpunkt gegen England; für England Bagdad als Stützpunkt gegen Deutschland usw.).“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 272-273)


Annahme 2

Kautsky trennt die Politik des Imperialismus von seiner Ökonomik, indem er von Annexionen als der vom Finanzkapital bevorzugten Politik spricht. Angeblich ist eine andere, bürgerliche Politik auf derselben Basis des Finanzkapitals möglich.
Monopole in der Wirtschaft sollen vereinbar sein mit einer nicht monopolistischen, nicht annexionistischen, nicht gewalttätigen Politik.
Als ob eine territoriale Neuaufteilung der Erde, die die Grundlage des Wettkampfs der kapitalistischen Großmächte ist, vereinbar wäre mit einer nicht imperialistischen Politik.
Das Resultat ist die Abstumpfung der fundamentalsten Widersprüche des Kapitalismus, anstatt einer Enthüllung ihrer Tiefe. Das Resultat ist bürgerlicher Reformismus.


„Kautskys Definition ist nicht nur unrichtig und unmarxistisch. Sie dient als Begründung für ein ganzes System von Auffassungen, die auf der ganzen Linie sowohl mit der marxistischen Theorie als auch mit der marxistischen Praxis brechen, wovon später noch die Rede sein wird. Ganz und gar unernst ist der von Kautsky entfachte Streit um Worte, nämlich ob das jüngste Stadium des Kapitalismus als Imperialismus oder als Stadium des Finanzkapitals anzusprechen sei. Man nenne es, wie man will – darauf kommt es nicht an. Wesentlich ist, daß Kautsky die Politik des Imperialismus von seiner Ökonomik trennt, indem er von Annexionen als der vom Finanzkapital ‚bevorzugten‘ Politik spricht und ihr eine angeblich andere bürgerliche Politik auf derselben Basis des Finanzkapitals entgegenstellt. Es kommt so heraus, als ob die Monopole in der Wirtschaft vereinbar wären mit einem nicht monopolistischen, nicht gewalttätigen, nicht annexionistischen Vorgehen in der Politik. Als ob die territoriale Aufteilung der Welt, die gerade in der Epoche des Finanzkapitals beendet wurde und die die Grundlage für die Eigenart der jetzigen Formen des Wettkampfs zwischen den kapitalistischen Großstaaten bildet, vereinbar wäre mit einer nicht imperialistischen Politik. Das Resultat ist eine Vertuschung, eine Abstumpfung der fundamentalsten Widersprüche des jüngsten Stadiums des Kapitalismus statt einer Enthüllung ihrer Tiefe, das Resultat ist bürgerlicher Reformismus statt Marxismus.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 274)


Annahme 3

Der Ultraimperialismus ist unmöglich, da das Finanzkapital die Widersprüche in der Welt nicht abschwächt, sondern verschärft.


„ Kautskys leeres Gerede von einem Ultraimperialismus nährt unter anderem den grundfalschen Gedanken, der Wasser auf die Mühle der Apologeten des Imperialismus leitet, daß die Herrschaft des Finanzkapitals die Ungleichmäßigkeiten und die Widersprüche innerhalb der Weltwirtschaft abschwäche, während sie in Wirklichkeit diese verstärkt.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 276)


Annahme 4

Verschwinden der Notwendigkeit technischen Fortschritts aufgrund von Monopolpreisen: Mit der Einführung von Monopolpreisen verschwindet zeitweise die Notwendigkeit der Unternehmen, technischen und anderen Fortschritt zu leisten. Diese Tendenz zu Stagnation und Fäulnis ist dem Monopol eigen. Es entsteht die ökonomische Möglichkeit, technischen Fortschritt künstlich aufzuhalten.
Das Monopol kann Konkurrenz auf dem Weltmarkt niemals restlos und auf sehr lange Zeit ausschalten.


„In dem Maße, wie Monopolpreise, sei es auch nur vorübergehend, eingeführt werden, verschwindet bis zu einem gewissen Grade der Antrieb zum technischen und folglich auch zu jedem anderen Fortschritt, zur Vorwärtsbewegung; und insofern entsteht die ökonomische Möglichkeit, den technischen Fortschritt künstlich aufzuhalten. […]
Gewiß kann das Monopol unter dem Kapitalismus die Konkurrenz auf dem Weltmarkt niemals restlos und auf sehr lange Zeit ausschalten (das ist übrigens einer der Gründe, warum die Theorie des Ultraimperialismus unsinnig ist). Die Möglichkeit, durch technische Verbesserungen die Produktionskosten herabzumindern und die Profite zu erhöhen, begünstigt natürlich Neuerungen. Aber die Tendenz zur Stagnation und Fäulnis, die dem Monopol eigen ist, wirkt nach wie vor und gewinnt in einzelnen Industriezweigen, in einzelnen Ländern für gewisse Zeitspannen die Oberhand.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 281)


Parasitismus und Fäulnis des Kapitalismus[Bearbeiten]

Kurzdefinition

Aus dem imperialistischen Finanzkapital heraus entsteht eine Klasse von Menschen, die von den Profiten eines Unternehmens leben kann, jedoch von dessen Produktion vollständig losgelöst sind. Die Welt wird aufgeteilt in Schuldner- und Wucherstaaten. Letztere gewinnen ihre Profite vor allem mittels parasitärer Aneignung. Zunehmende Migration von rückständigen Ländern in imperialistische Länder aufgrund höherer Löhne ist eine Auswirkung dieser Unterteilung. Das Finanzkapital bringt alle Schichten der besitzenden Klassen auf die Seite des Imperialismus. Seine Ideologie dringt als Opportunismus auch in die Arbeiterklasse ein.

Schlagworte

Parasitismus, Parasitäre Schicht, Wucherstaaten, Schuldnerstaaten, Migration, Finanzkapital, Ideologie

Einordnung

Das Wesen des Imperialismus, sein Parasitismus und seine Ideologie, werden von Lenin in Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus dargestellt.

Annahme 1

Herausbildung der Schicht der „Rentner“: Aus dem imperialistischen Finanzkapital entsteht die Klasse der "Kuponschneider", d. h. Menschen, die von der Produktion eines Unternehmens völlig losgelöst sind, jedoch von den Profiten leben, die es abwirft. Ganze Staaten können "Kuponschneiderstaaten" werden und haben damit einen Kapitalismus, der parasitär durch die Ausbeutung anderer Länder lebt. Die Welt wird damit aufgeteilt in Schuldner- und Wucherstaaten.


„Daraus ergibt sich das außergewöhnliche Anwachsen der Klasse oder, richtiger, der Schicht der Rentner, d.h. Personen, die vom ‚Kuponschneiden‘ leben, Personen, die von der Beteiligung an irgendeinem Unternehmen völlig losgelöst sind, Personen, deren Beruf der Müßiggang ist. Die Kapitalausfuhr, eine der wesentlichsten ökonomischen Grundlagen des Imperialismus, verstärkt diese völlige Isolierung der Rentnerschicht von der Produktion noch mehr und drückt dem ganzen Land, das von der Ausbeutung der Arbeit einiger überseeischer Länder und Kolonien lebt, den Stempel des Parasitismus auf.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 281)


Annahme 2

Das Wesen des Imperialismus besteht darin, dass immer mehr Profite statt aus dem Verkauf von Waren aus parasitären Formen der Aneignung entspringen.


„Die Einnahmen der Rentner sind also im ‚handelstüchtigsten‘ Lande der Welt fünfmal so groß wie die Einnahmen aus dem Außenhandel! Das ist das Wesen des Imperialismus und des imperialistischen Parasitismus.
Der Begriff ‚Rentnerstaat‘ oder Wucherstaat wird daher in der ökonomischen Literatur über den Imperialismus allgemein gebräuchlich. Die Welt ist in ein Häuflein Wucherstaaten und in eine ungeheure Mehrheit von Schuldnerstaaten gespalten.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 282)


Annahme 3

Tendenz der Migration aus rückständigen Ländern in imperialistische Staaten: Resultat dieser Aufteilung ist außerdem die Tendenz der Einwanderung von Arbeitern aus rückständigeren Ländern in entwickeltere Länder mit höheren Arbeitslöhnen.


„Zu den mit dem geschilderten Erscheinungskomplex verknüpften Besonderheiten des Imperialismus gehört die abnehmende Auswanderung aus den imperialistischen Ländern und die zunehmende Einwanderung (Zustrom von Arbeitern und Übersiedlung) in diese Länder aus rückständigeren Ländern mit niedrigeren Arbeitslöhnen.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 287)


Annahme 4

Alle besitzenden Klassen innerhalb eines imperialistischen Staates wechseln auf die Seite des Imperialismus, auch Teile der Arbeiterklasse. Dies ist erstens darin begründet, dass das Finanzkapital ein dichtes Netz von Beziehungen und Verbindungen schafft, das selbst kleinste Kapitalisten in seine Abhängigkeit bringt. Zweitens bringt die Konkurrenz mit anderen nationalstaatlichen Finanzgruppen die national verbundenen Finanzgruppen in ein gemeinsames Interesse.
Auch in die Arbeiterklasse dringt die imperialistische Ideologie ein, wie sich an der SPD in Deutschland bereits damals zeigte.


„Einerseits die gigantischen Ausmaße des in wenigen Händen konzentrierten Finanzkapitals, das sich ein außergewöhnlich weitverzweigtes und dichtes Netz von Beziehungen und Verbindungen schafft, durch das es sich die Masse nicht nur der mittleren und kleinen, sondern selbst der kleinsten Kapitalisten und Unternehmer unterwirft; anderseits der verschärfte Kampf mit den anderen nationalstaatlichen Finanzgruppen um die Aufteilung der Welt und um die Herrschaft über andere Länder – all dies führt zum geschlossenen Übergang aller besitzenden Klassen auf die Seite des Imperialismus. ‚Allgemeine‘ Begeisterung für seine Perspektiven, wütende Verteidigung des Imperialismus, seine Beschönigung in jeder nur möglichen Weise – das ist das Zeichen der Zeit. Die imperialistische Ideologie dringt auch in die Arbeiterklasse ein. Diese ist nicht durch eine chinesische Mauer von den anderen Klassen getrennt. Wenn die Führer der heutigen sogenannten ‚sozialdemokratischen‘ Partei Deutschlands mit Recht ‚Sozialimperialisten‘ genannt werden, d.h. Sozialisten in Worten, Imperialisten in der Tat, so hat Hobson bereits 1902 in England das Vorhandensein von ‚Fabier-Imperialisten‘ festgestellt, die der opportunistischen ‚Gesellschaft der Fabier‘ angehören.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 290-291)


Kritik des Imperialismus - Kampf gegen den Opportunismus[Bearbeiten]

Kurzdefinition

"Kritik" am Imperialismus von bürgerlichen Kräften verneint die alles durchdringende Herrschaft des Imperialismus und seine tief liegenden Wurzeln. Einzelheiten werden herausgepickt, und vorgeschlagen ihre negativen Folgen mittels Reformen einzudämmen. Die freie Konkurrenz im Kapitalismus wird im Imperialismus oft bedroht und stark eingeschränkt, was einer der Gründe für die Entstehung einer kleinbürgerlich-demokratischen Opposition zum Imperialismus war. Dieser gehörte auch Kautsky an, der die These des Ultraimperialismus vertrat. Diese besagt, dass an Stelle des Kampfes der nationalen Kapitale untereinander die gemeinsame Ausbeutung der Welt durch das international verbündete Finanzkapital denkbar sei. Dies ist aufgrund des Gesetzes der ungleichen Entwicklung und der Verschärfung der inner-imperialistischen Widersprüche nicht der Fall. Außerdem können Monopole die freie Konkurrenz nicht restlos aufheben. Monopolprofite ermöglichen es jedoch, einen Teil der Abreiterklasse zu bestechen. Dadurch erhält der Opportunismus eine weitere Möglichkeit, sich in der Arbeiterklasse zu verbreiten.

Schlagworte

Opportunismus, Ultraimperialismus, Ungleichmäßige Entwicklung, Annexion, Unabhängigkeitsbewegung, Arbeiteraristokratie, Imperialismus, Sterbender Kapitalismus

Einordnung

Die Unzulänglichkeiten einer bürgerlichen "Kritik" des Imperialismus und der Kampf gegen opportunistische Theorien wie Kautskys Ultraimperialismus werden von Lenin in Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus dargestellt.

Annahme 1

Die "Kritik" am Imperialismus ist meist seine Apologetik: Die totale Herrschaft des Imperialismus wird verneint, während nebensächliche Formdetails oder völlig unmögliche Reformprojekte in Form von Bankenaufsichten etc. vorgeschlagen werden.


„Bürgerliche Gelehrte und Publizisten treten als Verteidiger des Imperialismus gewöhnlich in etwas verkappter Form auf, indem sie die völlige Herrschaft des Imperialismus und seine tiefen Wurzeln vertuschen, dafür aber Einzelheiten und nebensächliche Details in den Vordergrund zu rücken versuchen, um durch ganz unernste ‚Reform‘projekte von der Art einer Polizeiaufsicht über die Trusts oder Banken u.a. die Aufmerksamkeit vom Wesentlichen abzulenken. Seltener treten zynische, offene Imperialisten auf, die den Mut haben, auszusprechen, wie unsinnig es ist, die Grundeigenschaften des Imperialismus reformieren zu wollen.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 291)


Annahme 2

Kernfragen der Kritik des Imperialismus: Vorwärts zur weiteren Verschärfung und Vertiefung der durch den Imperialismus erzeugten Widersprüche oder rückwärts zu deren Abstumpfung?
Die kleinbürgerlich-demokratische Opposition gegen den Imperialismus tritt auf.
Kautsky hat sich mit ihr vereinigt, anstatt ihr entgegen zu treten.


„Die Fragen, ob eine Änderung der Grundlagen des Imperialismus durch Reformen möglich sei, ob man vorwärts gehen solle, zur weiteren Verschärfung und Vertiefung der durch ihn erzeugten Widersprüche, oder rückwärts, zu deren Abstumpfung, das sind Kernfragen der Kritik des Imperialismus. Da zu den politischen Besonderheiten des Imperialismus die Reaktion auf der ganzen Linie sowie die Verstärkung der nationalen Unterdrückung in Verbindung mit dem Druck der Finanzoligarchie und mit der Beseitigung der freien Konkurrenz gehören, so tritt mit Beginn des 20. Jahrhunderts in fast allen imperialistischen Ländern eine kleinbürgerlich-demokratische Opposition gegen den Imperialismus auf. Und der Bruch Kautskys und der weitverbreiteten internationalen Strömung des Kautskyanertums mit dem Marxismus besteht gerade darin, daß Kautsky es nicht nur unterlassen, es nicht verstanden hat, dieser kleinbürgerlichen, reformistischen, ökonomisch von Grund aus reaktionären Opposition entgegenzutreten, sondern sich im Gegenteil praktisch mit ihr vereinigt hat.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 292)


Annahme 3

Die Theorie des Ultraimperialismus besagt, dass an Stelle des Kampfes der nationalen Kapitale untereinander die gemeinsame Ausbeutung der Welt durch das international verbündete Finanzkapital denkbar sei.


„Kautsky: ‚… ob es nicht möglich sei, daß die jetzige imperialistische Politik durch eine neue, ultraimperialistische verdrängt werde, die an Stelle des Kampfes der nationalen Finanzkapitale untereinander die gemeinsame Ausbeutung der Welt durch das international verbündete Finanzkapital setzte. Eine solche neue Phase des Kapitalismus ist jedenfalls denkbar. Ob auch realisierbar, das zu entscheiden fehlen noch die genügenden Voraussetzungen.‘“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 299)


Annahme 4

Kritik an der Theorie des Ultraimperialismus: Im Imperialismus wird die Aufteilung der Welt nur durch allgemeinwirtschaftliche, militärische und finanzielle Stärke geregelt. Da sich die kapitalistischen Ökonomien der imperialistischen Staaten immer unterschiedlich entwickeln, verändert sich das Kräfteverhältnis zwischen ihnen, Widersprüche sind unvermeidlich. Das Monopol kann die Konkurrenz nicht restlos und auf sehr lange Zeit ausschalten.


„Es fragt sich nun, ist die Annahme ‚denkbar‘, daß beim Fortbestehen des Kapitalismus (und diese Bedingung setzt Kautsky gerade voraus) solche Bündnisse {ultraimperialistische Bündnisse} nicht kurzlebig wären, daß sie Reibungen, Konflikte und Kampf in jedweden und allen möglichen Formen ausschließen würden?
Es genügt, diese Frage klar zu stellen, um sie nicht anders als mit Nein zu beantworten. Denn unter dem Kapitalismus ist für die Aufteilung der Interessen- und Einflußsphären, der Kolonien usw. eine andere Grundlage als die Stärke der daran Beteiligten, ihre allgemeinwirtschaftliche, finanzielle, militärische und sonstige Stärke, nicht denkbar. Die Stärke der Beteiligten aber ändert sich ungleichmäßig, denn eine gleichmäßige Entwicklung der einzelnen Unternehmungen. [!] Trusts, Industriezweige und Länder kann es unter dem Kapitalismus nicht geben. Vor einem halben Jahrhundert war Deutschland, wenn man seine kapitalistische Macht mit der des damaligen Englands vergleicht, eine klägliche Null; ebenso Japan im Vergleich zu Rußland. Ist die Annahme ‚denkbar‘, daß das Kräfteverhältnis zwischen den imperialistischen Mächten nach zehn, zwanzig Jahren unverändert geblieben sein wird? Das ist absolut undenkbar.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 300-301)


„Gewiß kann das Monopol unter dem Kapitalismus die Konkurrenz auf dem Weltmarkt niemals restlos und auf sehr lange Zeit ausschalten (das ist übrigens einer der Gründe, warum die Theorie des Ultraimperialismus unsinnig ist).“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 281)


Annahme 5

Erwachen des Nationalbewusstseins der vom Imperialismus unterdrückten Völker: der importierte Kapitalismus schafft in den neu erschlossenen Ländern eine Verschärfung der ökonomischen Widersprüche und damit eine Verschärfung des Widerstands der Bevölkerung. Dabei gibt der Imperialismus den Unterdrückten selbst die Mittel ihrer Befreiung an die Hand: die alten Verhältnisse werden ökonomisch und sozial revolutioniert und ermöglichen damit den Übergang dieser Länder in nationale Einheitsstaaten, wie es die bürgerlichen Revolutionen in den heute imperialistischen Ländern bereits vor langer Zeit erreichten.
Das Ziel der Herstellung des nationalen Einheitsstaates als Mittel der ökonomischen und kulturellen Freiheit wird auch zum Ziel der unterworfenen Nationen.
Imperialismus führt zur Verstärkung der nationalen Unterdrückung und zur Verschärfung des Widerstands.


„Insbesondere verschärfen sich auch die nationale Unterdrückung und der Drang nach Annexionen, d.h. nach Verletzung der nationalen Unabhängigkeit (denn Annexion ist ja nichts anderes als Verletzung der Selbstbestimmung der Nationen). Mit Recht hebt Hilferding den Zusammenhang des Imperialismus mit der Verschärfung der nationalen Unterdrückung hervor. ‚In den neu erschlossenen Ländern selbst aber‘ schreibt er, ‚steigert der importierte Kapitalismus die Gegensätze und erregt den immer wachsenden Widerstand der zu nationalem Bewußtsein erwachenden Völker gegen die Eindringlinge, der sich leicht zu gefährlichen Maßnahmen gegen das Fremdkapital steigern kann. Die alten sozialen Verhältnisse werden völlig revolutioniert, die agrarische, tausendjährige Gebundenheit der ‚geschichtslosen Nationen‘ gesprengt, diese selbst in den kapitalistischen Strudel hineingezogen. Der Kapitalismus selbst gibt den Unterworfenen allmählich die Mittel und Wege zu ihrer Befreiung. Das Ziel, das einst das höchste der europäischen Nationen war, die Herstellung des nationalen Einheitsstaates als Mittel der ökonomischen und kulturellen Freiheit, wird auch zu dem ihren. Diese Unabhängigkeitsbewegung bedroht das europäische Kapital gerade in seinen wertvollsten und aussichtsreichsten Ausbeutungsgebieten, und immer mehr kann es seine Herrschaft nur durch stete Vermehrung seiner Machtmittel erhalten.‘
Es muß hinzugefügt werden, daß der Imperialismus nicht allein in den neu erschlossenen, sondern auch in den alten Ländern zu Annexionen, zur Verstärkung der nationalen Unterdrückung und folglich auch zur Verschärfung des Widerstands führt.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 302-303)


Annahme 6

Herausbildung einer durch Monopolprofite bestochenen Arbeiteraristokratie: Durch die hohen Monopolprofite haben die Kapitalisten die Möglichkeit, einzelne Schichten der Arbeiter zu bestechen, sie von der großen Masse der Arbeiter abzuspalten und sie auf ihre Seite zu ziehen. Diese Tendenz wird durch den verschärften Antagonismus zwischen den imperialistischen Nationen wegen der Aufteilung der Welt noch verstärkt. So entsteht der Zusammenhang von Imperialismus und Opportunismus.


„Der Imperialismus, der die Aufteilung der Welt und die Ausbeutung nicht allein Chinas bedeutet, der monopolistisch hohe Profite für eine Handvoll der reichsten Länder bedeutet, schafft die ökonomische Möglichkeit zur Bestechung der Oberschichten des Proletariats und nährt, formt und festigt dadurch den Opportunismus.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 286)


„Der Imperialismus hat die Tendenz, auch unter den Arbeitern privilegierte Kategorien auszusondern und sie von der großen Masse des Proletariats abzuspalten.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 288)


Annahme 7

Verbürgerung des Proletariats. Entstehung einer Arbeiteraristokratie. Gewerkschaftsführungen, die von Bourgeoisie gekauft sind oder von ihr bezahlten Leuten geführt werden.


„Engels schrieb z.B. am 7. Oktober 1858 an Marx, ‚… daß das englische Proletariat faktisch mehr und mehr verbürgert, so daß diese bürgerlichste aller Nationen es schließlich dahin bringen zu wollen scheint, eine bürgerliche Aristokratie und ein bürgerliches Proletariat neben der Bourgeoisie zu besitzen. Bei einer Nation, die die ganze Welt exploitiert, ist das allerdings gewissermaßen gerechtfertigt.‘ (Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 29, S. 358) Fast ein Vierteljahrhundert später, in seinem Brief vom 11. August 1881, spricht er von Gewerkschaften, ‚welche nur mit jenen schlechtesten englischen vergleichbar sind, die es zulassen, sich von an die Bourgeoisie verkauften oder zumindest von ihr bezahlten Leuten führen zu lassen‘. (Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 35, S. 20) Und in einem Brief an Kautsky vom 12. September 1882 schreibt Engels: ‚Sie fragen mich, was die englischen Arbeiter von der Kolonialpolitik denken? Nun, genau dasselbe, was sie von der Politik überhaupt denken … Es gibt hier ja keine Arbeiterpartei, es gibt nur Konservative und Liberal-Radikale, und die Arbeiter zehren flott mit von dem Weltmarkts- und Kolonialmonopol Englands.‘ (Dasselbe sagt Engels auch im Vorwort zur zweiten Auflage der Lage der arbeitenden Klasse in England 1892.)“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 288 f.)


„Dadurch, daß die Kapitalisten eines Industriezweiges unter vielen anderen oder eines Landes unter vielen anderen usw. hohe Monopolprofite herausschlagen, bekommen sie ökonomisch die Möglichkeit, einzelne Schichten der Arbeiter, vorübergehend sogar eine ziemlich bedeutende Minderheit der Arbeiter zu bestechen und sie auf die Seite der Bourgeoisie des betreffenden Industriezweiges oder der betreffenden Nation gegen alle übrigen hinüberzuziehen. Diese Tendenz wird durch den verschärften Antagonismus zwischen den imperialistischen Nationen wegen der Aufteilung der Welt noch verstärkt. So entsteht der Zusammenhang von Imperialismus und Opportunismus, der sich am frühesten und krassesten in England auswirkte, weil dort gewisse imperialistische Züge der Entwicklung bedeutend früher als in anderen Ländern zutage traten.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 306 f.)


Der Platz des Imperialismus in der Geschichte[Bearbeiten]

Kurzdefinition

Der Monopolkapitalismus verschärft die Widersprüche in der geschichtlichen Übergangsperiode zwischen der kapitalistischen und einer höheren ökonomischen Gesellschaftsform. Er ist aufgrund seiner ökonomischen Basis also sterbender Kapitalismus. Die Vergesellschaftung der Produktion schreitet voran, während Privatwirtschaft und Privateigentum eine Hülle der Produktionsweise darstellen, die ihrem Inhalt nicht mehr entspricht. Daraus entsteht die Fäulnistendenz des Imperialismus, welche sich allerdings über eine lange Zeit hinweg halten kann und ein rasches Wachstum der Produktivkräfte nicht ausschließt.

Schlagworte

Imperialismus, Sterbender Kapitalismus, Fäulnis, Parasitismus, Wucherstaaten

Einordnung

Der Platz des Imperialismus in der Geschichte wird von Lenin in Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus dargestellt.

Annahme 1

Der historische Platz des Imperialismus ist der Übergang von der kapitalistischen zu einer höheren ökonomischen Gesellschaftsform.


„Wir haben gesehen, daß der Imperialismus seinem ökonomischen Wesen nach Monopolkapitalismus ist. Schon dadurch ist der historische Platz des Imperialismus bestimmt, denn das Monopol, das auf dem Boden freien Konkurrenz und eben aus der freien Konkurrenz erwächst, bedeutet den Übergang von der kapitalistischen zu einer höheren ökonomischen Gesellschaftsformation.
Erstens: Das Monopol ist aus der Konzentration der Produktion auf einer sehr hohen Stufe ihrer Entwicklung erwachsen. Das sind die Monopolverbände der Kapitalisten, die Kartelle. Syndikate und Trusts. Wir sahen, welch gewaltige Rolle sie im heutigen Wirtschaftsleben spielen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gewannen sie in den fortgeschrittenen Ländern das völlige Übergewicht, und wenn die ersten Schritte auf dem Wege der Kartellierung zuerst von Ländern mit hohen Schutzzöllen (Deutschland, Amerika) getan wurden, so hat England mit seinem Freihandelssystem nur wenig später dieselbe grundlegende Tatsache aufzuweisen: die Entstehung der Monopole aus der Konzentration der Produktion.
Zweitens: Die Monopole haben in verstärktem Maße zur Besitzergreifung der wichtigsten Rohstoffquellen geführt, besonders in der ausschlaggebenden und am meisten kartellierten Industrie der kapitalistischen Gesellschaft: der Kohlen- und Eisenindustrie. Die monopolistische Beherrschung der wichtigsten Rohstoffquellen hat die Macht des Großkapitals ungeheuer gesteigert und den Gegensatz zwischen der kartellierten und nichtkartellierten Industrie verschärft.
Drittens: Das Monopol ist aus den Banken erwachsen. Diese haben sich aus bescheidenen Vermittlungsunternehmungen zu Monopolisten des Finanzkapitals gewandelt. Drei bis fünf Großbanken einer beliebigen der kapitalistisch fortgeschrittensten Nationen haben zwischen Industrie- und Bankkapital eine ‚Personalunion‘ hergestellt und in ihrer Hand die Verfügungsgewalt über Milliarden und aber Milliarden konzentriert, die den größten Teil der Kapitalien und der Geldeinkünfte des ganzen Landes ausmachen. Eine Finanzoligarchie, die ein dichtes Netz von Abhängigkeitsverhältnissen über ausnahmslos alle ökonomischen und politischen Institutionen der modernen bürgerlichen Gesellschaft spannt – das ist die krasseste Erscheinungsform dieses Monopols.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 304 f.)


Annahme 2

Die Verschärfung der Gegensätze ist die mächtigste Triebkraft der geschichtlichen Übergangsperiode.


„Wie sehr der monopolistische Kapitalismus alle Widersprüche des Kapitalismus verschärft hat, ist allgemein bekannt. Es genügt, auf die Teuerung und auf den Druck der Kartelle hinzuweisen. Diese Verschärfung der Gegensätze ist die mächtigste Triebkraft der geschichtlichen Übergangsperiode, die mit dem endgültigen Sieg des internationalen Finanzkapitals ihren Anfang genommen hat.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 305)


Annahme 3

Der Imperialismus als vergesellschafteter Übergangskapitalismus und sterbender Kapitalismus: Der Imperialismus ist sterbender Kapitalismus, da er bei vollständiger Vergesellschaftung der Produktion privatwirtschaftliche und Privateigentumsverhältnisse beibehält, was unvermeidlich in Fäulnis übergehen muss. Diese Fäulnistendenz schließt kein rasches Wachstum des Kapitalismus aus und kann sich lange halten, wird aber unvermeidlich beseitigt werden. Deswegen sprechen wir vom Übergangskapitalismus. Privateigentumsverhältnisse bilden eine Hülle, die dem Inhalt nicht mehr entspricht. Sie muss in Fäulnis übergehen, wenn ihre Beseitigung künstlich verzögert wird.
Aber diese Hülle kann sich lange in Fäulniszustand halten.
Die Hülle (= Privateigentumsverhältnisse) entspricht dem Inhalt nicht mehr, weil dieser die Vergesellschaftung der Produktion ist. Ein rasches Wachstum des Kapitalismus ist trotz Fäulnistendenzen nicht ausgeschlossen.


„Aus allem, was über das ökonomische Wesen des Imperialismus gesagt wurde, geht hervor, daß er charakterisiert werden muß als Übergangskapitalismus oder, richtiger, als sterbender Kapitalismus. Höchst aufschlußreich ist in dieser Hinsicht, daß die Schlagworte der bürgerlichen Ökonomen, die den jüngsten Kapitalismus beschreiben, ‚Verflechtung‘, ‚Fehlen der Isoliertheit‘ usw. heißen; die Banken seien ‚Unternehmungen, die nach ihren Aufgaben und nach ihrer Entwicklung nicht einen rein privatwirtschaftlichen Charakter haben und die immer mehr aus der Sphäre der rein privatrechtlichen Regelung herauswachsen‘. Und derselbe Riesser, von dem diese Worte stammen, erklärt mit todernster Miene, daß sich die ‚Voraussage‘ der Marxisten über die ‚Vergesellschaftung‘ ‚nicht verwirklicht‘ habe!“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 307)


„[…] – dann wird es offensichtlich, daß wir es mit einer Vergesellschaftung der Produktion zu tun haben und durchaus nicht mit einer bloßen ‚Verflechtung‘; daß privatwirtschaftliche und Privateigentumsverhältnisse eine Hülle darstellen, die dem Inhalt bereits nicht mehr entspricht und die daher unvermeidlich in Fäulnis übergehen muß, wenn ihre Beseitigung künstlich verzögert wird, eine Hülle, die sich zwar verhältnismäßig lange in diesem Fäulniszustand halten kann (wenn schlimmstenfalls die Gesundung von dem opportunistischen Geschwür auf sich warten lassen sollte), die aber dennoch unvermeidlich beseitigt werden wird.“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 308)


„Monopole, Oligarchie, das Streben nach Herrschaft statt nach Freiheit, die Ausbeutung einer immer größeren Anzahl kleiner oder schwacher Nationen durch ganz wenige reiche oder mächtige Nationen – all das erzeugte jene Merkmale des Imperialismus, die uns veranlassen, ihn als parasitären oder in Fäulnis begriffenen Kapitalismus zu kennzeichnen. Immer plastischer tritt als eine Tendenz des Imperialismus die Bildung des ‚Rentnerstaates‘, des Wucherstaates hervor, dessen Bourgeoisie in steigendem Maße von Kapitalexport und ‚Kuponschneiden‘ lebt. Es wäre ein Fehler, zu glauben, daß diese Fäulnistendenz ein rasches Wachstum des Kapitalismus ausschließt; […].“
(Lenin, W.I., Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, 1917, LW 22, S. 305)


Quellen[Bearbeiten]

Lenin, W.I. (1917): Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. LW 22