Voraussetzungen zur Überwindung der Warenproduktion

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Einleitung[Bearbeiten]

Die aller Wahrscheinlichkeit nach eintretende Revolution des Proletariats wird also nur allmählich die jetzige Gesellschaft umgestalten und erst dann das Privateigentum abschaffen können, wenn die dazu nötige Masse von Produktionsmitteln geschaffen ist [1], schrieb Engels im Jahre 1847.

Schon damals erkannten Marx und Engels, dass die Machtübernahme der Arbeiterklasse noch nicht unmittelbar die Abschaffung des Privateigentums, die Überwindung der Warenproduktion bewirken kann, sondern zuerst die materiell-technische Basis, also bestimmte Voraussetzungen, hergestellt werden müssen. Der Disput darum, ab wann die Voraussetzungen für die Abschaffung von Privateigentum, Markt und Geld, für die Überwindung der Warenproduktion geschaffen sind, drückt sich seit der Oktoberrevolution in Russland in unterschiedlichen Diskussionen innerhalb der kommunistischen Weltbewegung aus.

Auf der einen Seite steht die Frage, ob die Machtübernahme des Proletariats, also die Revolution, zu einem gegebenen Zeitpunkt überhaupt sinnvoll ist. Es scheint schließlich unklar, ob die Voraussetzungen für eine sich voll entfaltende sozialistische Ökonomie überhaupt vorhanden sind, bzw. mittelfristig geschaffen werden können. Wenn dabei zudem die Einschätzung getroffen wird, dass der Kapitalismus die Voraussetzungen für die Überwindung der Warenproduktion auf ökonomischem Gebiet noch besser herstellen kann als weniger entwickelte Formen der Planwirtschaft, äußert sich dies meist in konterrevolutionären Tendenzen.

Auf der anderen Seite muss geklärt werden, ob innerhalb bestehender sozialistischer Projekte eine entwickelte zentrale Planwirtschaft ein Ziel sein kann oder aufgrund fehlender Voraussetzungen langfristig auf den Markt zurückgegriffen werden muss.

An dieser Stelle bekommt der Dissens für uns eine besondere Relevanz, da er sich etwa in den aktuellen Diskussionen um die Einschätzung des Charakters der VR China und Vietnams widerspiegelt. Die angeblich mittel- bis langfristige Alternativlosigkeit des Wertgesetzes wird hier meist aus angeblich fehlenden Voraussetzungen für die Alternative, die Arbeitszeitrechnung, erklärt. Eine voll entwickelte zentrale Planwirtschaft wird vorerst als unmöglich abgetan, weniger reife Formen der Planwirtschaft in denen etwa noch Ware-Geld-Beziehungen herrschen, als zu widersprüchlich, defizitär und ineffizient im Vergleich zur kapitalistischen Produktionsweise eingeschätzt.

Die praktische Schlussfolgerung dieser Analyse ist einerseits, dass etwa die kapitalistische Produktionsweise in China und Vietnam als notwendig eingeschätzt und ihrem Entwicklungsstand adäquat verteidigt wird. Andererseits wird implizit die Sinnhaftigkeit der sozialistischen Revolution infrage gestellt, wenn doch die sozialistische Produktionsweise noch gar nicht sinnvoll hergestellt werden könne. Aufgrund der weitreichenden Folgen der verschiedenen Ansichten, bis hin zu konterrevolutionären Auffassungen, ist die Klärung dieser Frage für uns von großer Dringlichkeit.

Wir möchten diesen Dissens eingrenzen und ihn auf die ökonomischen Voraussetzungen und die Klassenzusammensetzung spezifizieren. Zentrale Momente werden hier der Grad der Produktivkraftentwicklung und der Grad der Entwicklung des Proletariats sein. Die Voraussetzungen der politischen Umwälzung werden von der AG „Revolutionäre Arbeiterbewegung und Kommunistische Partei“ bearbeitet. Die Frage der Möglichkeit des Sozialismus in einem Lande wird in dem Dissens „Weltrevolution vs. Revolution in einem Lande“ behandelt. Die Widersprüche, die zum Sozialismus drängen, werden von den AGen „Revolutionäre Arbeiterbewegung und Kommunistische Partei“ und „Wissenschaft“ bearbeitet. Wir fokussieren uns nur auf die Voraussetzungen zur Überwindung der Warenproduktion. Dabei gehen wir davon aus, dass in einer vollständig entwickelten sozialistischen Planwirtschaft die Warenproduktion überwunden wurde und benutzen Bezeichnungen wie entwickelte sozialistische Ökonomie oder Überwindung der Warenproduktion deshalb synonym.

Ansichten von Marx, Engels und Lenin[Bearbeiten]


Marx, Engels und Lenin gehen grundsätzlich davon aus, dass die Warenproduktion nicht unmittelbar nach der Machtübernahme des Proletariats überwunden werden kann, denn gewisse Voraussetzungen müssen vorher geschaffen werden. Logisch ist zunächst, dass die Überwindung der Warenproduktion ein allumfassendes gesellschaftliches Eigentum voraussetzt, da es keine eigenständigen ökonomischen Subjekte, kein Privateigentum mehr geben darf. Sowohl bürgerlicher, als auch kleinbürgerlicher und genossenschaftlicher Besitz muss also überwunden werden. In der Sowjetunion wurde zwar nie der Punkt erreicht, an dem die Warenproduktion vollends überwunden wurde, der Entwicklungsweg war jedoch lange klar. Bauern und kleine Selbstständige sollten sich Schritt für Schritt zu Genossenschaften zusammenschließen, die Genossenschaften sollten sich schließlich in Staatsbetriebe verwandeln. Das langfristige Ziel war das gesellschaftliche Eigentum. Wo Marx und Engels darauf aufbauend noch sehr abstrakt etwa von „der dazu nötigen Masse von Produktionsmitteln“ sprachen, konkretisierte Lenin die Voraussetzungen und schärfte seine Ansichten anhand der gemachten Erfahrungen beim Aufbau des Sozialismus in Russland. Für ihn sind die umfassende und universale Rechnungsführung und Kontrolle über die Produktion und die Verteilung der Produkte, sowie der hohe Grad an Arbeitsproduktivität wesentliche Voraussetzungen für die sozialistische Ökonomie. Konkrete Hauptvoraussetzungen seien daher unter anderem eine maschinelle Großindustrie, sowie ein entwickeltes Transport- Kommunikations- und Volksbildungswesen. (vgl. Lenin: Gesammelte Werke, Bd. 36, S. 131, russ. und Lenin. Über die materiell-technische Basis des Kommunismus. APN-Verlag, Moskau: 1970, S. 26 f) Fernerhin müssten die Produktivkräfte so weit entwickelt sein, dass eine planmäßige gesamtstaatliche Organisation und Entwicklung der Wirtschaft möglich wird um zum Einhalten einer einheitlichen Norm in der Erzeugung und Verteilung der Produkte anzuhalten. (vgl. Lenin: Über „linke“ Kinderei und über Kleinbürgerlichkeit. Werke, Bd. 27, S. 332). Zusammenfassend sind die wesentlichen Voraussetzungen für eine sozialistische Ökonomie bei Lenin also die Entwicklung und Zentralisierung der Produktion zur maschinellen Großindustrie, ein hohes Maß an ökonomischer Vernetzung (Transport, Kommunikation) und ein entwickeltes Volksbildungswesen in dem Maße, dass eine planmäßige gesamtstaatliche Organisation und Entwicklung der Wirtschaft möglich wird. Wir behalten dabei im Hinterkopf, dass je weniger Geltung das Wertgesetz in der Ökonomie hat, desto bewusster auch die Ökonomie eigenständig geplant werden muss, bzw. desto mehr Informationen über die Produktion und Distribution eingeholt und verarbeitet werden müssen. Dass dazu Zentralisierung, einheitliche Normen und eine funktionierende Rechnungsführung und Kontrolle von Produktion und Distribution notwendig sind und waren, scheint einleuchtend. Unter anderem diese Annahmen veranlassten Lenin sogar dazu, in Russland ab 1921 die "Neue Ökonomische Politik" (NÖP) einzuführen, in der sich in einem staatskapitalistischen Rahmen vorerst die Produktivkräfte weit genug entwickeln sollten, bevor der weitere Aufbau der sozialistischen Ökonomie angegangen werden konnte. Hier aber enden bereits die grundsätzlichen Annahmen von Marx, Engels und Lenin zu den Voraussetzungen für eine entwickelte zentrale Planwirtschaft. Dieser, vor allem in der Fokussierung auf die Überwindung der Warenproduktion, wurde sich schließlich in deren Lebzeiten nicht in einem so relevanten Maße angenähert, dass deren Vorstellungen konkretere Züge hätten annehmen können. Wir gehen deshalb davon aus, dass die Voraussetzungen, die Lenin für eine sozialistische Ökonomie nennt, notwendige aber nicht hinreichende Bedingungen für die Überwindung der Warenproduktion sind.

Ansichten von Kunzmann[Bearbeiten]


Marcel Kunzmann hat in seinem Buch "Theorie, System & Praxis des Sozialismus in China" die These, der Überwindung der Warenproduktion fehlten bis auf unbestimmte Zeit die ökonomischen Voraussetzungen, besonders prägnant dargelegt und wird deshalb an dieser Stelle von uns als Bezugspunkt gewählt. Kunzmann postuliert dabei das faktische Scheitern jedes Versuchs eine Ökonomie ohne Rücksichtnahme auf das Wertgesetz aufzubauen, wie es sich etwa in der Sowjetunion spätestens ab den 1950er Jahren oder in China konstant bis zur erneuten Einführung von privatem Kapital unter Deng Xiaoping gezeigt hätte, sich aber früher oder später in allen Diskussionen und Reformen sozialistischer Länder ausdrückte. Er begreift die Einführung des privaten Kapitals deshalb als allgemeine und notwendige Reaktion der sozialistischen Staaten auf den Widerspruch zwischen dem Stand der Produktivkraftentwicklung und der inadäquaten und defizitären sozialistischen Produktionsweise, die die realsozialistischen Länder erreicht haben, sowie der Unmöglichkeit mittelfristig reifere Formen der zentralen Planwirtschaft herzustellen. Das größte Problem in der sozialistischen Ökonomie sieht Kunzmann in der Wertbestimmung. Ohne Marktinformationen, ohne dem Wertgesetz, wäre keine wertmäßige Bestimmung der Produktion und damit keine kohärente Planung möglich, so Kunzmann. Voraussetzungen für die Ablösung des Wertgesetzes und die Überwindung der Warenproduktion seien deshalb folgende drei Reduktionen:

  • Die Umrechnung von toter Arbeit in lebendige Arbeit.
  • Die Umrechnung von einfacher in komplizierte Arbeit.
  • Eine Formel, die den individuellen Aufwand präzise auf den gesellschaftlichen Durchschnitt ummünzen kann (vgl. Kunzmann: Theorie, System und Praxis des Sozialismus in China, S. 23)


Ferner müsste laut Kunzmann nicht nur die individuelle Produktivität jedes Arbeiters in jedem Betrieb (auch bei geistiger Arbeit und im Dienstleistungssektor) absolut objektiv messbar gemacht und vergleichbar werden, sondern auch ein Modell gefunden werden das sämtliche Produktströme, auch diejenigen in den Außenhandelsbeziehungen, kohärent abbilden kann[2]. Außerdem sei es notwendige Voraussetzung, dass flächendeckend gesellschaftliches Eigentum an den Produktionsmitteln existiert. Kunzmann bezweifelt zwar, dass die Arbeitszeitrechnung einmal die Rolle des Wertgesetzes übernehmen könne, stellt aber mögliche Potentiale in der Digitalisierung der Produktion und den Entwicklungen auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz in Aussicht. Die Voraussetzungen, die Kunzmann hier für die voll entwickelte zentrale Planwirtschaft bestimmt, leiten sich aus seiner Vorstellung von einer entwickelten sozialistischen Ökonomie selbst ab. Er geht von einer Ökonomie aus, die den Wert als Maß und nicht die Arbeitszeit nutzt, auch wenn er von einer Arbeitszeitrechnung spricht. Dies hat letztlich weitreichende Folgen für die Voraussetzungen zur Überwindung der Warenproduktion. Werden nämlich etwa die Produkte nicht nach der Arbeitszeit (mit eventuellen, nicht wertgebundenen Abweichungen der „Stunde“, siehe Cockshott/Cottrell) verteilt, sondern wertgebunden nach der Quantität und Qualität der Arbeit, so müsste tatsächlich die individuelle Produktivität jedes einzelnen Arbeiters absolut objektiv messbar und vergleichbar gemacht werden können um die individuelle Wertschöpfung seiner Arbeit bestimmen zu können. (Siehe hierzu auch den Dissens „Distribution im Sozialismus“). Es wäre ein Modell der individuellen Kontrolle jeder Form von Arbeit notwendig, welches bisher tatsächlich wenig denkbar scheint. Vor allem die (mittelbare) Wertbestimmung der Arbeit in nicht-wertschaffenden Sektoren scheint mitunter aufgrund fehlender Indikatoren und Barometer kaum möglich. Ebenso sieht es mit den Komplikationen des Umrechnens von einfacher in komplizierte Arbeit und der angeblichen Notwendigkeit einer Formel, die den individuellen Aufwand präzise auf den gesellschaftlichen Durchschnitt ummünzen kann, aus. All diese komplikationsbehafteten Voraussetzungen leiten sich aus der Vorstellung eines Sozialismus ab, in dem der Wert als Maß gilt und nicht die Arbeitszeit. Voraussetzungen die er anmerkt, die jedoch auch für eine reine Arbeitszeitrechnung notwendig, oder zumindest sehr vorteilhaft wären, sind die Möglichkeit der Umrechnung von toter Arbeit in lebendige Arbeit, ein Modell das sämtliche Produktströme, auch diejenigen in den Außenhandelsbeziehungen, kohärent abbilden kann, sowie das flächendeckende gesellschaftliche Eigentum.

Ansichten der KKE[Bearbeiten]


Entgegen der Sozialismusvorstellung die Kunzmann vertritt, geht die kommunistische Partei Griechenlands (KKE) von einer Arbeitszeitrechnung aus. In ihrem Programm schreiben sie: Der Zugang zum Teil des gesellschaftlichen Produktes, das 'nach der geleisteten Arbeit' verteilt wird, wird vom individuellen Arbeitsbeitrag jedes Einzelnen zur gesamtgesellschaftlichen Arbeit bestimmt, ohne dass die Arbeit in komplexe oder einfache, manuelle oder nicht-manuelle unterschieden wird. Maß des individuellen Beitrages ist die Arbeitszeit, die vom Plan auf der Grundlage der gesamten Bedürfnisse der gesellschaftlichen Produktion und der materiellen Bedingungen des Produktionsprozesses bestimmt wird [3]. Eine solche Ökonomie hätte nur zur Voraussetzung, dass tote Arbeit in lebendige Arbeit umgerechnet werden kann, die Produktströme (auch in Außenhandelsbeziehungen) kohärent abgebildet werden können und flächendeckend gesellschaftliches Eigentum an Produktionsmitteln existiert, denn die Wertschöpfung der individuellen Arbeit muss hier nicht mehr berechnet werden. Entsprechend der unterschiedlichen Sozialismusvorstellung, geht die KKE auch davon aus, dass es grundsätzlich möglich ist, die zentrale Planwirtschaft aufzubauen. Ein zentrales Argument der KKE, womit sie diese These bestärkt, ist außerdem die Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, also dass die sozialistische Produktionsweise die Produktivkräfte freisetzt und daher die materiellen Voraussetzungen des Sozialismus zum Teil unter der Planwirtschaft erst geschaffen werden. Diese These steht im Widerspruch zu z.B. den Annahmen Kunzmanns und muss von uns empirisch geprüft werden. Wir können erkennen, dass die unterschiedlichen Einschätzungen zur Möglichkeit der Überwindung der Warenproduktion, einer Ökonomie ohne Privateigentum, Markt und Geld, aus den unterschiedlichen Vorstellungen entspringen wie diese entwickelte sozialistische Ökonomie denn auszusehen hat.

Ansichten von Cockshott/Cottrell[Bearbeiten]


Paul Cockshott und Allin Cottrell sind zwei marxistische Theoretiker aus Schottland, die versucht haben ein umfassendes und konsistentes Modell der sozialistischen Arbeitszeitrechnung zu entwerfen, in dem Privateigentum, Markt und Geld keinen Platz mehr haben. Ihre Vorstellungen der sozialistischen Ökonomie stimmen in den Grundzügen mit denen der KKE überein. Sie gehen also davon aus, dass die Arbeitszeit in ihrer Ausdehnung und nicht in ihrer Intensität das Maß ist, mit dem im Sozialismus gerechnet wird. Dabei haben sie konkrete Lösungsvorschläge erarbeitet, wie mithilfe von Computertechnik die gesamten Produktenaustauschzyklen einer Volkswirtschaft in Echtzeit abgebildet werden können, tote Arbeit treffsicher in lebendige Arbeit umgerechnet werden kann, der Außenhandel im Rahmen der Arbeitszeitrechnung und auf Grundlage der „Stunde“ abgewickelt werden kann und vieles mehr. Sie gehen davon aus, dass bereits in den 80er Jahren die technischen Möglichkeiten für ihr computerbasiertes Planwirtschaftsmodell, beispielsweise in der Sowjetunion, existiert hätten. Die konkrete Darstellung ihrer Lösungsansätze würde den Rahmen dieses Dissensteils in erheblichem Maße übersteigen. Wir halten jedoch fest, dass es unsere Aufgabe sein muss, ihre Vorstellungen umfassend zu prüfen.

Ist die Digitalisierung notwendig?[Bearbeiten]


In dieser Aufschlüsselung des Dissenses über die Voraussetzungen für die Überwindung der Warenproduktion wurde als maßgeblicher Lösungsvorschlag für die Herausforderungen einer Ökonomie auf Basis der Arbeitszeitrechnung die Digitalisierung des Produktionsprozesses genannt. Die technischen Anforderungen die die umfassende Planung einer sozialistischen Volkswirtschaft mit sich bringen, die nicht mehr eigenständig in ihrer Verwertungslogik angetrieben und vom Wertgesetz reguliert wird, sind schließlich hoch. Denn 1.) muss die Vermittlung zwischen Produktion und Konsumtion exakt berechnet werden können um eine Übereinstimmung zwischen Bedürfnis und Plan zu erzeugen und so den Zugriff zu den Produkten durch den individuellen Arbeitsbeitrag im Rahmen der gesamten gesellschaftlich nützlichen Arbeit bestimmen zu können; 2.) müssen die Mikromanagements der einzelnen Betriebe im makroökonomischen Kontext organisiert werden können, weshalb es möglich sein muss treffsichere Input-Output-Rechnungen durchzuführen. Dies schließt natürlich auch die Umrechnung von toter Arbeit in lebendige Arbeit mit ein sowie auch makroökonomische Auswirkungen von Veränderungen auf der Mikroebene vorauszuberechnen; 3.) müssen dafür letzten Endes die gesamten Produktenaustauschzyklen der Volkswirtschaft, am besten in Echtzeit, kohärent abgebildet werden können. Mit dem heutigen Stand der Technik ließen sich diese Herausforderungen im Wesentlichen bewältigen, indem an jedem Arbeitsplatz Inputs, Outputs und aufgewandte Arbeitszeit digital wahrgenommen und an einen Zentralrechner kommuniziert werden, der die Informationen verarbeiten kann und regulierend auf die Volkswirtschaft rückwirkt. Die Distribution könnte schließlich über Stundenkontos auf einer Art „Kreditkarten“ organisiert werden. Die tatsächlichen Herausforderungen die z.B. mit dem Wirtschaftsmodell von Cockshott und Cottrell zusammenhängen und die Möglichkeit von deren Durchsetzung, gilt es akribisch zu prüfen. Es stellt sich nun aber die Frage, ob für das arbeitszeitbasierende Modell die Digitalisierung der gesamten Volkswirtschaft tatsächlich eine Voraussetzung ist oder eine manuelle Rechnungsführung und Kontrolle schon die notwendigen Voraussetzungen in ausreichendem Maße erfüllen könnte bzw. hätte erfüllen können. Die Notwendigkeit der Digitalisierung würde schließlich auch bedeuten, dass eine entwickelte zentrale Planwirtschaft, eine Ökonomie ohne Privateigentum, Markt und Geld, frühestens ab den 1980er Jahren und bis heute nicht in allen Ländern dieser Welt möglich wäre. Dies gilt es umso akribischer zu prüfen, mitunter können dafür die Volkskommunen in China ein Bezugspunkt sein.

Fazit[Bearbeiten]


Die Frage der Voraussetzungen zur Überwindung der Warenproduktion spielt in der kommunistischen Weltbewegung eher implizit als explizit eine Rolle. Sie ist eine wesentliche Grundlage für die Positionierung zur sozialistischen Ökonomie und der Notwendigkeit von dessen Installation, sowie für die Einschätzung des Charakters von Staaten, die kapitalistische Produktionsverhältnisse wiedereingeführt haben - wie China und Vietnam. Die verschiedenen Einschätzungen zu den Voraussetzungen zur Überwindung der Warenproduktion leiten sich maßgeblich aus unterschiedlichen Vorstellungen der sozialistischen Ökonomie ab und müssen auch von da ausgehend analysiert werden. Um also ein korrektes Verhältnis zu den "sozialistischen Entwicklungsstrategien" von Ländern wie China und Vietnam einnehmen zu können und den sozialistischen Aufbau mit einem korrekten Bewusstsein über Herausforderungen, Voraussetzungen und die Länge von Entwicklungsetappen innerhalb der Entwicklung des Sozialismus-Kommunismus angehen zu können, bedarf diese Frage für uns einer Klärung.

Bezug zu unseren Grundannahmen[Bearbeiten]


„17. Frage: Wird die Abschaffung des Privateigentums mit einem Schlage möglich sein?

Antwort: Nein, ebensowenig wie sich mit einem Schlage die schon bestehenden Produktivkräfte so weit werden vervielfältigen lassen, als zur Herstellung der Gemeinschaft nötig ist. Die aller Wahrscheinlichkeit nach eintretende Revolution des Proletariats wird also nur allmählich die jetzige Gesellschaft umgestalten und erst dann das Privateigentum abschaffen können, wenn die dazu nötige Masse von Produktionsmitteln geschaffen ist.“
Engels: Grundsätze des Kommunismus, MEW Band 4, Seite 372


  • Die Abschaffung des Privateigentums ist nicht mit einem Schlag möglich.

Erst müssen sich die Produktivkräfte bis zu einem gewissen Grad vervielfältigen und die Produktionsmittel bis zu einem gewissen Grad zentralisieren, dann kann das Privateigentum abgeschafft werden.

„Man kann sagen, daß die Aufgabe [die Aufgabe einer ökonomischen Reorganisation von der kapitalistischen zur sozialistischen Gesellschaft, Anm. KO] in zwei Hauptaufgaben zerfällt: 1) Rechnungsführung und Kontrolle über die Produktion und die Verteilung der Produkte in den umfassendsten, allerorts geltenden und universalen Formen dieser Rechnungsführung und der Kontrolle und 2) Steigerung der Arbeitsproduktivität. Diese Aufgaben können von einer beliebigen Gemeinschaft oder von einem beliebigen Staat, der zum Sozialismus übergeht, nur unter der Bedingung gelöst werden, daß die ökonomischen, sozialen, kulturellen und politischen Hauptvoraussetzungen dafür vom Kapitalismus in genügendem Maße geschaffen worden sind. Ohne maschinelle Großindustrie, ohne mehr oder weniger entwickeltes Eisenbahnnetz, Post- und Telegraphenwesen, ohne mehr oder weniger entwickeltes Netz von Volksbildungseinrichtungen könnte zweifellos weder die eine noch die andere Aufgabe auf systematische Weise und in einem das ganze Volk umfassenden Umfang gelöst werden.“
Lenin: Gesammelte Werke, Bd. 36, S. 131, russ. und Lenin: Über die materiell-technische Basis des Kommunismus. APN-Verlag, Moskau: 1970, S. 26 f.


  • Die Aufgabe einer ökonomischen Reorganisation hin zu einer sozialistischen Ökonomie zerfällt in zwei Hauptaufgaben: 1) Rechnungsführung und Kontrolle über Produktion und Distribution, 2) Steigerung der Arbeitsproduktivität.

Es gibt ökonomische, soziale, kulturelle und politische Hauptvoraussetzungen für den Aufbau des Sozialismus, die sich vorher unter kapitalistischen Verhältnissen entwickeln müssen. Diese Hauptvoraussetzungen sind unter anderem eine maschinelle Großindustrie, sowie ein entwickeltes Transport- Kommunikations- und Volksbildungswesen.

„Der Sozialismus ist undenkbar ohne großkapitalistische Technik, die nach dem letzten Wort modernster Wissenschaft aufgebaut ist, ohne planmäßige staatliche Organisation, die Dutzende Millionen Menschen zur strengsten Einhaltung einer einheitlichen Norm in der Erzeugung und Verteilung der Produkte anhält.“
Lenin: Über „linke“ Kinderei und über Kleinbürgerlichkeit, Werke, Bd. 27, S. 332


  • Bedingung für den Sozialismus ist modernste großkapitalistische Technik sowie planäßige staatliche Organisation, die die Arbeiter zur strengsten Einhaltung einer einheitlichen Norm in der Erzeugung und Verteilung der Produkte anhält.


„Die Hebung der Arbeitsproduktivität erfordert vor allem die Sicherung der materiellen Grundlage der Großindustrie [...].

Eine andere Bedingung für die Steigerung der Arbeitsproduktivität ist erstens die Hebung des Bildungs- und Kulturniveaus der Masse der Bevölkerung. [...] Voraussetzung des wirtschaftlichen Aufstiegs ist zweitens die Hebung der Disziplin der Werktätigen, ihres produktiven Könnens, ihrer Geschicklichkeit, die Steigerung der Arbeitsintensität und die bessere Arbeitsorganisation.“
Lenin: Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht, Werke, Bd. 27, S. 248


  • Die Bedingungen für die Hebung der Arbeitsproduktivität sind a) Sicherung der materiellen Grundlage der Großindustrie, b) Hebung des Bildungs- und Kulturniveaus der Masse der Bevölkerung, c) Hebung der Disziplin der Werktätigen, d) Hebung ihres produktiven Könnens, e) Hebung ihrer Geschicklichkeit, f) Steigerung der Arbeitsintensität, g) bessere Arbeitsorganisation.



Wie wollen wir den Dissens klären?[Bearbeiten]


In dem Dissens über die Voraussetzungen zur Überwindung der Warenproduktion stellt sich für uns die Frage, ob das angestrebte Sozialismus-Modell, über das die Überwindung letzten Endes gewährleistet werden soll, über die Ausdehnung der Arbeitszeit oder die Intensität der wertgebundenen Arbeit als Maß organisiert wird. Diese Frage wird in dem Dissens „Plan, Markt und Wertgesetz“ und „Distribution im Sozialismus“ diskutiert. Die konkreten Voraussetzungen die diese Modelle mit sich bringen, müssen jedoch noch schärfer analysiert werden. Das in Angriff zu nehmen wird hier die Aufgabe sein. Es stellt sich fernerhin die Frage, ob etwa das computerbasierte Planwirtschaftsmodell von Cockshott und Cottrell grundsätzlich durchgesetzt werden kann und welche sehr konkreten Voraussetzungen dafür erfüllt sein müssen. Zur Bearbeitung dieser Frage müssen wir die ökonomischen Voraussetzungen für ihr Modell genau bestimmen und mit der AG „Politische Ökonomie des Imperialismus“ und „Deutscher Imperialismus“ die bestehenden ökonomischen Voraussetzungen unterschiedlicher Länder feststellen um im Abgleich aufeinander die mittelfristige Möglichkeit des Modells zu prüfen. Auch hier sollen die Voraussetzungen in Deutschland im Mittelpunkt stehen. Die letzte Frage dieses Dissenses ist, ob die Digitalisierung der Volkswirtschaft notwendige Voraussetzung für eine zentrale Planwirtschaft ist. Zur Klärung dieser Frage müssen wir einen breiteren Überblick über die diesbezüglichen Debatten erlangen und eventuell andere, nicht computerbasierte Modelle zur Kenntnis nehmen und auf ihre Möglichkeit und Sinnhaftigkeit prüfen. Die historisch unterschiedliche Komplexität der Ökonomie muss dabei beachtet werden.

Was steht zu diesem Dissens in den Programmatischen Thesen?[Bearbeiten]


In den Programmatischen Thesen steht nichts explizit zur Überwindung der Warenproduktion.

Literatur zum Thema[Bearbeiten]

Hier kommen alphatisch geordnet die verwendete und weiterführende Literatur rein.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Engels: Grundsätze des Kommunismus, MEW Band 4, S. 372.
  2. (ebenda)
  3. vgl. Dissens „Distribution im Sozialismus“