Notwendigkeit und Zufall

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Schlagworte[Bearbeiten]

Notwendigkeit, Zufall, Gesetzmäßigkeit, Entwicklung, Geschichte, Bewusstsein

Annahmen[Bearbeiten]

Besonderes und Allgemeines[Bearbeiten]

Einzelnes ist Allgemeines. Dies gilt für beliebige Sätze. Schon hierin ist Dialektik.


„Beginnen mit dem Einfachsten, Gewöhnlichsten, Massenhaftesten etc., mit einem beliebigen Satz: die Blätter des Baumes sind grün; Iwan ist ein Mensch; Shutschka ist ein Hund u. dgl. Schon hierin ist (wie Hegel genial bemerkt hat) Dialektik: Einzelnes ist Allgemeines.“
(Lenin, Wladimir Iljitsch: Zur Frage der Dialektik; LW Bd. 38, S.340)


Das Einzelne und das Allgemeine sind Gegensätze. Sie sind identisch. Das Allgemeine existiert nur im und durch das Einzelne. Jedes Einzelne ist auf eine andere Art Allgemeines. Alles Allgemeine ist eine Seite oder das Wesen des Einzelnen. Jedes Einzelne geht unvollständig in das Allgemeine ein.

„Somit sind die Gegensätze (das Einzelne ist dem Allgemeinen entgegengesetzt) identisch: das Einzelne existiert nicht anders als in dem Zusammenhang, der zum Allgemeinen führt. Das Allgemeine existiert nur im Einzelnen, durch das Einzelne. Jedes Einzelne ist (auf die eine oder andere Art) Allgemeines. Jedes Allgemeine ist (ein Teilchen oder eine Seite oder das Wesen) des Einzelnen. Jedes Allgemeine umfaßt nur annähernd alle einzelnen Gegenstände. Jedes Einzelne geht unvollständig in das Allgemeine ein usw. usw. Jedes Einzelne hängt durch Tausende von Übergängen mit einer anderen Art Einzelner (Dinge, Erscheinungen, Prozesse) zusammen usw.“
(Lenin, Wladimir Iljitsch: Zur Frage der Dialektik; LW Bd. 38, S.340)


Ursache und Wirkung[Bearbeiten]

Die Begriffe von Ursachen und Wirkung vereinfachen immer den objektiven Zusammenhang der Naturerscheinung. Sie spiegeln dir Naturerscheinungen immer nur annähernd wieder, durch eine künstliche Isolierung einer Seite im einheitlichen Weltprozess.

„Also, der menschliche Begriff von Ursache und Wirkung vereinfacht immer etwas den objektiven Zusammenhäng der Naturerscheinungen, er spiegelt ihn nur annähernd wider, indem er diese oder jene Seiten des einen einheitlichen Weltprozesses künstlich isoliert.“
(Lenin, Wladimir Iljitsch: Materialismus und Empiriokritizismus, LW Bd. 14, S.151)


Wechselwirkung[Bearbeiten]

In der Natur (den Mensch und sein Rückwirken auf die Natur ausgelassen) wirken lauter bewusstlose blinde Ursachen wechselseitig aufeinander ein. Durch dieses Einwirken kommt das allgemeine Gesetz zur Geltung. Nichts geschieht in der Natur als gewollter und bewusster Zweck. Weder auf den scheinbaren Zufälligkeiten welche auf der Oberfläche sichtbar werden, noch in den Gesetzmäßigkeiten innerhalb der Zufälligkeiten. In der Geschichte sind die Handelnden, mit Bewusstsein ausgestattete, durch Überlegungen oder Leidenschaften handelnde, auf bestimmte Zwecke hinarbeitende Menschen. Es geschieht nichts ohne bewusste Absicht und ohne gewollte Ziele.

„In der Natur sind es - soweit wir die Rückwirkung der Menschen auf die Natur außer acht lassen – lauter bewußtlose blinde Agenzien, die aufeinander einwirken und in deren Wechselspiel das allgemeine Gesetz zur Geltung kommt. Von allem, was geschieht - weder von den zahllosen scheinbaren Zufälligkeiten, die auf der Oberfläche sichtbar werden, noch von den schließlichen, die Gesetzmäßigkeit innerhalb dieser Zufälligkeiten bewährenden Resultaten -, geschieht nichts als gewollter bewußter Zweck. Dagegen in der Geschichte der Gesellschaft sind die Handelnden lauter mit Bewußtsein begabte, mit Überlegung oder Leidenschaft handelnde, auf bestimmte Zwecke hinarbeitende Menschen; nichts geschieht ohne bewußte Absicht, ohne gewolltes Ziel.“
(Engels, Friedrich: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW Bd. 21, S.296)


Die Naturwissenschaft bestätigt, dass die Wechselwirkung die letzte Ursache der Bewegung der Dinge ist. Erkenntnistheoretisch weiter vorzudringen als über die Erkenntnis der Wechselwirkung ist nicht möglich, weil dahinter nichts zu Erkennendes liegt. Um die Materie selbst zu (er)kennen, müssen wir ihre Bewegungsformen erkennen. Erst von dieser universellen Wechselwirkung kommen wir zum wirklichen Kausalitätsverhältnis.

„Wir sehn eine Reihe von Bewegungsformen, mechanische Bewegung, Wärme, Licht, Elektrizität, Magnetismus, chemische Zusammensetzung und Zersetzung, Übergänge der Aggregatzustände, organisches Leben, die alle, wenn wir jetzt noch das organische Leben ausnehmen, ineinander übergehn, einander gegenseitig bedingen, hier Ursache, dort Wirkung sind, und wobei die Gesamtsumme der Bewegung in allen wechselnden Formen dieselbe bleibt (Spinoza: Die Substanz ist causa sui Ursache ihrer selbst -drückt die Wechselwirkung schlagend aus. Mechanische Bewegung schlägt um in Wärme, Elektrizität, Magnetismus, Licht etc. etc., und vice versa. So wird von der Naturwissenschaft bestätigt, was Hegel sagt, daß die Wechselwirkung die wahre causa finalis letzte Ursache der Dinge ist. Weiter zurück als zur Erkenntnis dieser Wechselwirkung können wir nicht, weil eben dahinter nichts zu Erkennendes liegt. Haben wir die Bewegungsformen der Materie erkannt [...], so haben wir die Materie selbst erkannt, und damit ist die Erkenntnis fertig [...]Erst von dieser universellen Wechselwirkung kommen wir zum wirklichen Kausalitätsverhältnis. Um die einzelnen Erscheinungen zu verstehn, müssen wir sie aus dem allgemeinen Zusammenhang reißen, sie isoliert betrachten, und da erscheinen die wechselnden Bewegungen, die eine als Ursache, die andre als Wirkung.

Wer Kausalität leugnet, dem ist jedes Naturgesetz eine Hypothese [...]“
(Engels, Friedrich: Dialektik der Natur, MEW Bd. 20, S.499)


Kausalität[Bearbeiten]

Die Bewegung der Einzelkörper der Materie bedingt sich gegenseitig. Der Mensch kann Bedingungen für diese Bewegung schaffen. Die Vorstellung, dass eine Bewegung die Ursache einer anderen ist, begründet sich durch die Tätigkeit des Menschen. Die Aufeinanderfolge von Naturphänomenen erzeugt die Vorstellung von Kausalität. Diese kann aber nur durch menschliche Tätigkeit "erprobt" werden. Abweichungen von Regeln sind keine Widerlegung dieser, sondern verlangen nach einer Untersuchung für diese Abweichung.

„Das erste, was uns bei der Betrachtung der sich bewegenden Materie auffällt, ist der Zusammenhang der Einzelbewegungen einzelner Körper unter sich, ihr Bedingtsein durch einander. Wir finden aber nicht nur, daß auf eine gewisse Bewegung eine andre folgt, sondern wir finden auch, daß wir eine bestimmte Bewegung hervorbringen können, indem wir die Bedingungen herstellen, unter denen sie in der Natur vorgeht, ja daß wir Bewegungen hervorbringen können, die in der Natur gar nicht vorkommen (Industrie), wenigstens nicht in dieser Weise, und daß wir diesen Bewegungen eine vorher bestimmte Richtung und Ausdehnung geben können. Hierdurch, durch die Tätigkeit des Menschen, begründet sich die Vorstellung von Kausalität, die Vorstellung, daß eine Bewegung die Ursache einer andern ist. Die regelmäßige Aufeinanderfolge gewisser Naturphänomene allein kann zwar die Vorstellung der Kausalität erzeugen: die Wärme und das Licht, die mit der Sonne kommen; aber hierin liegt kein Beweis, und sofern hätte der Humesche Skeptizismus recht, zu sagen, daß das regelmäßige post hoc nie ein propter hoc begründen könne. Aber die Tätigkeit des Menschen macht die Probe auf die Kausalität. Wenn wir mit [einem] Brennspiegel die Sonnenstrahlen ebenso in einen Fokus konzentrieren und wirksam machen wie die des gewöhnlichen Feuers, so beweisen wir dadurch, daß die Wärme von der Sonne kommt. [...]Und hier kann der Skeptiker nicht einmal sagen, daß aus der bisherigen Erfahrung nicht folge, es werde das nächste Mal ebenso sein. Denn es kommt in der Tat vor, daß es zuweilen nicht ebenso ist, daß die Zündung oder das Pulver versagt, daß der Flintenlauf springt etc. Aber grade dies beweist die Kausalität, statt sie umzustoßen, weil wir für jede solche Abweichung von der Regel bei gehörigem Nachforschen die Ursache auffinden können: chemische Zersetzung der Zündung, Nässe etc. des Pulvers, Schadhaftigkeit des Laufs etc., so daß hier die Probe auf die Kausalität sozusagen doppelt gemacht ist.“
(Engels, Friedrich: Dialektik der Natur, MEW Bd.20, S. 497f.)


Bedingung[Bearbeiten]

Eine Grundbedingung aller Geschichte und die erste geschichtliche Tat ist die Erzeugung der Mittel zur Befriedigung der Bedürfnisse, die Produktion des materillen Lebens selbst. Diese muss noch heute, wie vor Jahrtausenden, täglich und stündlich erfüllt werden, um die Menschen nur am Leben zu erhalten. Die Befriedigung des ersten Bedürfnis,, die Aktion der Befriedigung und das schon erworbene Instrument der Befriedung führt zu neuen Bedürfnissen. Das dritte Verhältnis ist die Fortpflanzung, das Verhältnis zwischen Mann und Frau. All diese drei Seiten der sozialen Tätigkeit sind nicht als verschiedene Stufen zu fassen, sondern als Seiten.

„Die erste geschichtliche Tat ist also die Erzeugung der Mittel zur Befriedigung dieser Bedürfnisse, die Produktion des materiellen Lebens selbst, und zwar ist dies eine geschichtliche Tat, eine Grundbedingung aller Geschichte, die noch heute, wie vor Jahrtausenden, täglich und stündlich erfüllt werden muß, um die Menschen nur am Leben zu erhalten.[...]

Das Zweite ist, daß das befriedigte erste Bedürfnis selbst, die Aktion der Befriedigung und das schon erworbene Instrument der Befriedigung zu neuen Bedürfnissen führt — und diese Erzeugung neuer Bedürfnisse ist die erste geschichtliche Tat.[...]

Das dritte Verhältnis, was hier gleich von vornherein in die geschichtliche Entwicklung eintritt, ist das, daß die Menschen, die ihr eignes Leben täglich neu machen, anfangen, andre Menschen zu machen, sich fortzupflanzen - das Verhältnis zwischen Mann und Weib, Eltern und Kindern, die Familie. [...] Übrigens sind diese drei Seiten der sozialen Tätigkeit nicht als drei verschiedene Stufen zu fassen, sondern eben nur als drei Seiten [...].“
(Marx, Karl; Engels, Friedrich: Die deutsche Ideologie, MEW Bd. 3, S.28 f.)


Bedingung für den Untergang einer Gesellschaftsformation ist das sie alle Produktivkräfte entwickelt hat für die sie weit genug ist. Diese Produktivkräfte schaffen bereits die Bedingungen für höhere Produktionsverhältnisse - (Negation der Negation). Aufgaben welche sich die Menschheit setzt entspringen materiellen Bedingungen deren Lösung bereits vorhanden ist oder im selbst Prozess entstehen werden.

„Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind. Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, daß die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen sind.“
(Marx, Karl: Zur Kritik der Politischen Ökonomie; MEW Bd. 13; S. 9)


Notwendigkeit[Bearbeiten]

Materialismus bedeutet die Notwendigkeit der Natur anzuerkennen und die Notwendigkeit des Denkens aus dieser abzuleiten.

„Die Notwendigkeit der Natur anerkennen und aus ihr die Notwendigkeit des Denkens ableiten ist Materialismus. Die Ableitung der Notwendigkeit, Kausalität, Gesetzmäßigkeit usw. aus dem Denken ist Idealismus.“
(Lenin, Wladimir Iljitsch, Materialismus und Empiriokritizismus, Lenin-Werke, Band 14, S.162)


Die Welt ist als ein Komplex von Prozessen zu fassen, in welcher die Dinge eine ununterbrochene Veränderung des Werdens und Vergehens durchmachen. In der Welt setzt sich bei aller scheinbaren Zufälligkeit und trotz momentanen Rückläufigkeit eine fortschreitende Entwicklung durch.

„Der große Grundgedanke, daß die Welt nicht als ein Komplex von fertigen Dingen zu fassen ist, sondern als ein Komplex von Prozessen, worin die scheinbar stabilen Dinge nicht minder wie ihre Gedankenabbilder in unserm Kopf, die Begriffe, eine ununterbrochene Veränderung des Werdens und Vergehens durchmachen, in der bei aller scheinbaren Zufälligkeit und trotz aller momentanen Rückläufigkeit schließlich eine fortschreitende Entwicklung sich durchsetzt - dieser große Grundgedanke ist, namentlich seit Hegel, so sehr in das gewöhnliche Bewußtsein übergegangen, daß er in die-ser Allgemeinheit wohl kaum noch Widerspruch findet.“
(Engels, Friedrich, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW Band 21, S.293)


Alle gewonnen Erkenntnis ist notwendig beschränkt. Sie ist durch die Umstände unter denen sie gewonnen wurde bedingt. Auffassung der unüberwindlichen Gegensätzlichkeit von Wahr und Falsch, Gut und Schlecht, Identisch und Verschieden, Notwendig und Zufällig ist metaphysisch. Diese Gegensätze haben nur eine relative Gültigkeit. So setzt sich das behauptete Notwendige durch lauter Zufälligkeiten zusammen und das angeblich Zufällige ist die Form, hinter der sich die Notwendigkeit verbirgt.

„Geht man aber bei der Untersuchung stets von diesem Gesichtspunkt aus, so hört die Forderung endgültiger Lösungen und ewiger Wahrheiten ein für allemal auf; man ist sich der notwendigen Beschränktheit aller gewonnenen Erkenntnis stets bewußt, ihrer Bedingtheit durch die Umstände, unter denen sie gewonnen wurde; aber man läßt sich auch nicht mehr imponieren durch die der noch stets landläufigen alten Metaphysik unüberwindlichen Gegensätze von Wahr und Falsch, Gut und Schlecht, Identisch und Verschieden, Notwendig und Zufällig; man weiß, daß diese Gegensätze nur relative Gültigkeit haben, daß das jetzt für wahr Erkannte seine verborgene, später hervortretende falsche Seite ebensogut hat wie das jetzt als falsch Erkannte seine wahre Seite, kraft deren es früher für wahr gelten konnte; daß das behauptete Notwendige sich aus lauter Zufälligkeiten zusammensetzt und das angeblich Zufällige die Form ist, hinter der die Notwendigkeit sich birgt -und so weiter.“
(Engels, Friedrich, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Band MEW 21, S.293f.)


Die Menschen machen ihre Geschichte selbst. Allerdings nicht mit einem Gesamtwillen und nach einem Gesamtplan. Die Bestrebungen der Menschen durchkreuzen sich und in allen solchen Gesellschaften herrscht ebendeswegen die Notwendigkeit. Ihre Ergänzung und Erscheinungsform ist die Zufälligkeit. Die Notwendigkeit welche sich durch alle Zufälligkeiten in der Geschichte durchsetzt, ist die ökonomische. Hier zeigt sich die Bedeutung der sogenannten großen Männer. Das ein solcher und gerade dieser in einer bestimmten Zeit in einem gegebenen Land aufsteht, ist reiner Zufall. Wird dieser allerdings weggelassen, so gibt es die Nachfrage nach Ersatz. Dieser Ersatz findet sich auf die Dauer.

„Die Menschen machen ihre Geschichte selbst, aber bis jetzt nicht mit Gesamtwillen nach einem Gesamtplan, selbst nicht in einer bestimmt abgegrenzten gegebenen Gesellschaft. Ihre Bestrebungen durchkreuzen sich, und in allen solchen Gesellschaften herrscht ebendeswegen die Notwendigkeit, deren Ergänzung und Erscheinungsform die Zufälligkeit ist. Die Notwendigkeit, die hier durch alle Zufälligkeit sich durchsetzt, ist wieder schließlich die ökonomische. Hier kommen dann die sogenannten großen Männer zur Behandlung. Daß ein solcher und grade dieser zu dieser bestimmten Zeit in diesem gegebenen Lande aufsteht, ist natürlich reiner Zufall. Aber streichen wir ihn weg, so ist Nachfrage da für Ersatz und dieser Ersatz findet sich, tant bien que mal, aber er findet sich auf die Dauer.“
(Engels, Friedrich, Brief an W. Borgius in Breslau,. MEW Band 39, S.206)


Notwendigkeit heißt hier, dass eine Entwicklung nur so und nicht anders verlaufen kann. Notwendige Entwicklung findet statt unabhängig vom Bewusstsein der Individuen. Weil in der Geschichte der menschlichen Gesellschaft gesetzmäßige Entwicklung sich unabhängig von Bewusstsein durchsetzt, erscheint sie als Zufälligkeit. Die Gesetze der Entwicklung können erkannt / entdeckt werden.

„Nun aber erweist sich die Entwicklungsgeschichte der Gesellschaft in einem Punkt als wesentlich verschiedenartig von der der Natur. In der Natur sind es - soweit wir die Rückwirkung der Menschen auf die Natur außer acht lassen-lauter bewußtlose blinde Agenzien, die aufeinander einwirken und in deren Wechselspiel das allgemeine Gesetz zur Geltung kommt. Von allem, was geschieht - weder von den zahllosen scheinbaren Zufälligkeiten, die auf der Oberfläche sichtbar werden, noch von den schließlichen, die Gesetzmäßigkeit innerhalb dieser Zufälligkeiten bewährenden Resultaten -, geschieht nichts als gewollter bewußter Zweck. Dagegen in der Geschichte der Gesellschaft sind die Handelnden lauter mit Bewußtsein begabte, mit Überlegung oder Leidenschaft handelnde, auf bestimmte Zwecke hinarbeitende Menschen; nichts geschieht ohne bewußte Absicht, ohne gewolltes Ziel. Aber dieser Unterschied, so wichtig er für die geschichtliche Untersuchung namentlich einzelner Epochen und Begebenheiten ist, kann nichts ändern an der Tatsache, daß der Lauf der Geschichte durch innere allgemeine Gesetze beherrscht wird. Denn auch hier herrscht auf der Oberfläche, trotz der bewußt gewollten Ziele aller einzelnen, im ganzen und großen scheinbar der Zufall. Nur selten geschieht das Gewollte, in den meisten Fällen durchkreuzen und widerstreiten sich die vielen gewollten Zwecke oder sind diese Zwecke selbst von vornherein undurchführbar oder die Mittel unzureichend. So führen die Zusammenstöße der zahllosen Einzelwillen und Einzelhandlungen auf geschichtlichem Gebiet einen Zustand herbei, der ganz dem in der bewußtlosen Natur herrschenden analog ist. Die Zwecke der Handlungen sind gewollt, aber die Resultate, die wirklich aus den Handlungen folgen, sind nicht gewollt, oder soweit sie dem gewollten Zweck zunächst doch zu entsprechen scheinen, haben sie schließlich ganz andre als die gewollten Folgen. Die geschichtlichen Ereignisse erscheinen so im ganzen und großen ebenfalls als von der Zufälligkeit beherrscht. Wo aber auf der Oberfläche der Zufall sein Spiel treibt, da wird er stets durch innre verborgne Gesetze beherrscht, und es kommt nur darauf an, diese Gesetze zu entdecken.“
(Engels, Friedrich, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW Band 21, S.296f)


Die Naturnotwendigkeit ist das Primäre und der Wille und das Bewusstsein des Menschen das Sekundäre.

„Engels nimmt die Einsicht und den Willen des Menschen einerseits, die Naturnotwendigkeit anderseits und sagt einfach statt jeder Bestimmung, statt jeder Definition, daß die Naturnotwendigkeit das Primäre, der Wille und das Bewußtsein des Menschen das Sekundäre sind. Die letzteren müssen sich unvermeidlich und notwendig der ersteren anpassen;“
(Lenin, Wladimir Iljitsch, Materialismus und Empiriokritizismus, Lenin-Werke Band 14, S.185)


Es gibt keinen Zweifel an der "blinden Notwendigkeit", also einer vom Menschen nicht erkannten.

„Drittens gibt es für Engels keinen Zweifel an der Existenz der „blinden Notwendigkeit". Er erkennt die Existenz einer von dem Menschen nicht erkannten Notwendigkeit an.“
(Lenin, Wladimir Iljitsch, Materialismus und Empiriokritizismus, Lenin-Werke Band 14, S.186)


Produktionsverhältnisse sind bestimmte, notwendige, von Willen der Menschen unabhängige Verhältnisse und bilden dadurch die ökonomische Basis.

„In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer be-stimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struk-tur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt, und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen,politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt. Es ist nicht das Be-wußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt. Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwick-lung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche so-zialer Revolution ein. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um.“
(Marx, Karl, Zur Kritik der Politischen Ökonomie; MEW Band 13, Seite 8f)


Verschiedene Bedürfnismassen brauchen quantitative und qualitative Masse der gesellschaftlichen Gesamtarbeit. Daraus folgt die Notwendigkeit der Verteilung der Gesamtarbeit. Historisch kann nur die gesellschaftliche Form geändert werden, worin sich die Gesetzte durchsetzen.

„Ebenso weiß es, daß die den verschiednen Bedürfnismassen entsprechenden Massen von Produkten verschiedne und quantitativ bestimmte Massen der gesellschaftlichen Gesamtarbeit erheischen. Daß diese Notwendigkeit der Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit in bestimmten Proportionen durchaus nicht durch die bestimmte Form der gesellschaftlichen Produktion aufgehoben, sondern nur ihre Erscheinungsweise ändern kann, ist seif-evident. Naturgesetze können überhaupt nicht aufgehoben werden. Was sich in historisch verschiednen Zuständen ändern kann, ist nur die Form, worin jene Gesetze sich durchsetzen. Und die Form, worin sich diese proportioneile Verteilung der Arbeit durchsetzt in einem Gesellschaftszustand, worin der Zusammenhang der gesellschaftlichen Arbeit sich als Privataustausch der individuellen Arbeits-produkte geltend macht, ist eben der Tauschwert dieser Produkte.“
(Marx, Karl, Brief an Ludwig Kugelmann in Hannover, MEW Band 32, Seite 552f)


Zufall[Bearbeiten]

Auch in der Geschichte herrscht auf der Oberfläche - trotz bewusst gewollter Ziele aller Einzelnen - im großen und ganzen scheinbar der Zufall. Das Gewollte geschieht nur selten. Meistens durchkreuzen und widerstreiten sich die vielen gewollten Zwecke, oder die Zwecke sind von vorneherein undurchführbar, oder die Mittel unzureichend. Die Zusammenstöße der vielen Einzelwillen und Einzelhandlungen führen auf dem Gebiet der Geschichte zu einem Zustand, welcher jenem der bewusstlosen Natur analog ist.

„Denn auch hier [in der Geschichte] herrscht auf der Oberfläche, trotz der bewußt gewollten Ziele aller einzelnen, im ganzen und großen scheinbar der Zufall. Nur selten geschieht das Gewollte, in den meisten Fällen durchkreuzen und widerstreiten sich die vielen gewollten Zwecke oder sind diese Zwecke selbst von vornherein undurchführbar oder die Mittel unzureichend. So führen die Zusammenstöße der zahllosen Einzelwillen und Einzelhandlungen auf geschichtlichem Gebiet einen Zustand herbei, der ganz dem in der bewußtlosen Natur herrschenden analog ist.“
(Engels, Friedrich, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW Band 21, S.296f)


In der Metaphysik sind Prozesse immer entweder Zufällig oder Notwendig aber nie beides zugleich. Der mechanische Determinismus leugnet Zufälle, aber erkennt ihn in der Praxis in jedem besonderen Fall.

Das Zufällige hat einen Grund, weil es zufällig ist, und ebenso sehr auch keinen Grund, weil er zufällig ist; das Zufällige ist notwendig; die Notwendigkeit bestimmt sich selbst als Zufälligkeit -andrerseits ist die Zufälligkeit vielmehr die absolute Notwendigkeit.

„Ein andrer Gegensatz, in dem die Metaphysik befangen ist, ist der von Zufälligkeit und Notwendigkeit. Was kann sich schärfer widersprechen als diese beiden Denkbestimmungen? Wie ist es möglich, daß beide identisch seien, daß das Zufällige notwendig und das Notwendige ebenfalls zufällig sei? Der gemeine Menschenverstand und mit ihm die große Menge der Naturforscher behandelt Notwendigkeit und Zufälligkeit als Bestimmungen, die einander ein für allemal ausschließen. Ein Ding, ein Verhältnis, ein Vor-gang ist entweder zufällig oder notwendig, aber nicht beides. Beide bestehn also nebeneinander in der Natur; diese enthält allerlei Gegenstände und Vorgänge, von denen die einen zufällig, die andern notwendig sind und wobei es nur darauf ankommt, die beiden Sorten nicht miteinander zu ver-wechseln. [...]

Gegenüber beiden Auffassungen [metaphysiche und mechanistisch-determinische] tritt Hegel mit den bisher ganz unerhörten Sätzen, daß das Zufällige einen Grund hat, weil es zufällig ist, und ebensosehr auch keinen Grund hat, weil es zufällig ist; daß das Zufällige notwendig ist, daß die Notwendigkeit sich selbst als Zufälligkeit bestimmt, und daß andrerseits diese Zufälligkeit vielmehr die absolute Notwendigkeit ist (»Logik«, II, Buch III, 2: »Die Wirklichkeit«). Die Naturwissenschaft hat diese Sätze einfach als paradoxe Spielereien, als sich selbst widersprechenden Unsinn links liegenlassen und ist theoretisch verharrt einerseits in der Gedankenlosigkeit der Wolffschen Metaphysik, nach der etwas entweder zufällig ist oder notwendig, aber nicht beides zugleich; oder andrerseits im kaum weniger gedankenlosen mechanischen Determinismus,der den Zufall im allgemeinen in der Phrase wegleugnet, um ihn in der Praxis in jedem besondern Fall anzuerkennen.“
(Engels, Friedrich, Dialektik der Natur Notizen und Fragmente, MEW Band 20, Seite 486 f)


Gesetz[Bearbeiten]

Die Dialektik ist die Wissenschaft von den allgemeinen Gesetzen der Bewegung, der äußeren Welt, sowie des menschlichen Denkens. Zwei Reihen von Gesetzen, welche der Sache nach identisch sind, dem Ausdruck nach aber verschieden , da der menschliche Kopf sie mit Bewusstsein anwenden kann und sie in der Natur und bis jetzt auch in großen Teilen in der Menschengeschichte sich unbewusst, in der Form äußerer Notwendigkeit, durch eine endlose Reihe scheinbarer Zufälligkeiten durchsetzen.

„Damit reduzierte sich die Dialektik auf die Wissenschaft von den allgemeinen Gesetzen der Bewegung, sowohl der äußern Welt wie des menschlichen Denkens - zwei Reihen von Gesetzen, die der Sache nach identisch, dem Ausdruck nach aber insofern verschieden sind, als der menschliche Kopf sie mit Bewußtsein anwenden kann, während sie in der Natur und bis jetzt auch großenteils in der Menschengeschichte sich in unbewußter Weise, in der Form der äußern Notwendigkeit, inmitten einer endlosen Reihe scheinbarer Zufälligkeiten durchsetzen.“
(Engels, Friedrich, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW Band 21, S.293)


Abstrakte Gesetze die für alle Zeit gelten existieren in der Ökonomie nicht. Jede historische Periode hat ihre eigenen Gesetze. Die Gesetze ändern sich mit der Entwicklung der Produktivkraft.

„Aber, wird man sagen, die allgemeinen Gesetze des ökonomischen Lebens sind ein und dieselben; ganzgleichgültig, ob man sie auf Gegenwart oder Vergangenheit anwendet. Gerade das leugnet Marx. Nach ihm existieren solche abstrakten Gesetze nicht...Nach seiner Meinung besitzt im Gegenteil jede historische Periode ihre eigenen Gesetze...Sobald das Leben eine gegebene Entwicklungsperiode überlebt hat, aus einem gegebenen Stadium in ein andres übertritt, beginnt es auch durch andre Gesetze gelenkt zu werden. Mit einem Wort, das ökonomische Leben bietet uns eine der Entwicklungsgeschichte auf andren Gebieten der Biologie analoge Erscheinung. [...]

Mit der verschiednen Entwicklung der Produktivkraft ändern sich die Verhältnisse und die sie regelnden Gesetze.“
(Marx, Karl, Das Kapital Band 1, MEW Band 23, S.26)


Freiheit[Bearbeiten]

Durch die Gemeinschaft mit anderen und die Mittel seine Anlagen nach allen Seiten auszubilden, wird die persönliche Freiheit möglich. In den bisherigen Gesellschaften existiert die persönliche Freiheit nur für die in den Verhältnissen der herrschenden Klasse entwickelten Individuen, insofern sie Individuen dieser Klasse waren. In der wirklichen Gemeinschaft erlagen die Individuen in und durch ihre Assoziation die Freiheit.

„Die Verwandlung der persönlichen Mächte (Verhältnisse) in sachliche durch die Teilung der Arbeit kann nicht dadurch wieder aufgehoben werden, daß man sich die allgemeine Vorstellung davon aus dem Kopfe schlägt, sondern nur dadurch, daß die Individuen diese sachlichen Mächte wieder unter sich subsumieren und die Teilung der Arbeit aufheben. Dies ist ohne die Gemeinschaft nicht möglich. Erst in der Gemeinschaft [mit Andern hat jedes] Individuum die Mittel, seine Anlagen nach allen Seiten hin auszubilden; erst in der Gemeinschaft wird also die persönliche Freiheit möglich. In den bisherigen Surrogaten der Gemeinschaft, im Staat usw. existiert die persönliche Freiheit nur für die in den Verhältnissen der herrschenden Klasse entwickelten Individuen und nur, insofern sie Individuen dieser Klasse waren. Die Scheinbare Gemeinschaft, zu der sich bisher die Individuen vereinigten, verselbstständigte sich stets ihnen gegenüber und war zugleich, da sie eine Vereinigung einer Klasse gegenüber einer andern war, für die beherrschte Klasse nicht nur eine ganz illusorische Gemeinschaft, sondern auch eine neue Fessel. In der wirklichen Gemeinschaft erlangen die Individuen in und durch ihre Assoziation zugleich ihre Freiheit.“
(Marx, Karl/Engels, Friedrich, Die deutsche Ideologie, MEW Band 3, S.74)


Hegel stellte als erster das Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit richtig dar. Die Freiheit ist hier die Einsicht in die Notwendigkeit. In der Erkenntnis der Gesetzte und der damit gegeben Möglichkeit, sie planmäßig für bestimmte Zwecke wirken zu lassen, liegt die Freiheit. Die Freiheit besteht nicht in einer geträumten Unabhängigkeit von den Naturgesetzten, sondern in der Erkenntnis dieser und der dadurch gegebenen Möglichkeit, sie planmäßig für bestimmte Zwecke wirken zu lassen. Die Notwendigkeit wirkt nur blind, insofern sie nicht begriffen wird.

„Hegel war der erste, der das Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit richtig darstellte. Für ihn ist die Freiheit die Einsicht in die Notwendigkeit. [...] Nicht in der geträumten Unabhängigkeit von den Naturgesetzen liegt die Freiheit, sondern in der Erkenntnis dieser Gesetze, und in der damit gegebnen Möglichkeit, sie planmäßig zu bestimmten Zwecken wirken zu lassen.“
(Engels, Friedrich, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft ("Anti-Dühring"), MEW Band 20, S.106)


Blind ist die Notwendigkeit nur, insofern dieselbe nicht begriffen wird. Nicht in der geträumten Unabhängigkeit von den Naturgesetzen liegt die Freiheit, sondern in der Erkenntnis dieser Gesetze, und in der damit gegebnen Möglichkeit, sie planmäßig zu bestimmten Zwecken wirken zu lassen. Es gilt dies mit Beziehung sowohl auf die Gesetze der äußern Natur, wie auf diejenigen, welche das körperliche und geistige Dasein des Menschen selbst regeln - zwei Klassen von Gesetzen, die wir höchstens in der Vorstellung, nicht aber in der Wirklichkeit voneinander trennen können.“
(Lenin, Wladimir Iljitsch, Materialismus und Empiriokritizismus, LW Band 14, S.184f.)


Solange das Naturgesetz nicht erkannt wird, macht es uns zu Sklaven der "blinden Notwendigkeit". Wenn diese Gesetze, welche unabhängig von unserem Willen und Bewusstsein wirken, erkannt werden, sind die Menschen die Herren der Natur.

„Bei Engels bricht die ganze lebendige menschliche Praxis in die Erkenntnistheorie selbst ein, wobei sie das objektive Kriterium der Wahrheit gibt: solange wir das Naturgesetz nicht kennen, das neben unserem Bewußtsein, außerhalb unseres Bewußtseins existiert und wirkt, macht es uns zu Sklaven der „blinden Notwendigkeit". Sobald wir aber dieses Gesetz, das (wie Marx tausendmal wiederholte) unabhängig von unserem Willen und unserem Bewußtsein wirkt, erkannt haben, sind wir die Herren der Natur.“
(Lenin, Wladimir Iljitsch Materialismus und Empiriokritizismus, in: Lenin-Werke, Berlin 1962, Bd. 14, S.187)


Die Fähigkeit mit Sachkenntnis entscheiden zu können, ist die Freiheit des Willens. Umso freier ein Urteil eines Menschen ist, mit umso größerer Notwendigkeit wird der Inhalt des Urteils bestimmt sein. Die Freiheit der Menschen besteht in der auf Erkenntnis der Naturnotwendigkeit gegründeten Herrschaft über uns selbst und die äußere Natur. Die Freiheit ist ein Produkt der geschichtlichen Entwicklung.

„[...] zwei Klassen von Gesetzen, die wir höchstens in der Vorstellung, nicht aber in der Wirklichkeit voneinander trennen können. Freiheit des Willens heißt daher nichts andres als die Fähigkeit, mit Sachkenntnis entscheiden zu können. Je freier also das Urteil eines Menschen in Beziehung auf einen bestimmten Fragepunkt ist, mit desto größerer Notwendigkeit wird der Inhalt dieses Urteils bestimmt sein [...]. Freiheit besteht also in der auf Erkenntnis der Naturnotwendigkeiten gegründeten Herrschaft über uns selbst und über die äußere Natur; sie ist damit notwendig ein Produkt der geschichtlichen Entwicklung.“
(Engels, Friedrich, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft ("Anti-Dühring"), MEW Band 20, S.106)


Mechanischer Determinismus[Bearbeiten]

Der mechanische Determinismus leugnet den Zufall. Nach ihm herrscht in der Natur nur die einfache und direkte Notwendigkeit. Ursache und Wirkung sind hier unverrückbare Verkettungen. Diese Auffassung ermöglicht nicht das Überwinden einer theologischen Naturauffassung. Die Notwendigkeit bleibt hier eine leere Redensart, da nicht die Ursachenketten verfolgt werden.

„Demgegenüber tritt der Determinismus, der aus dem französischen Materialismus in die Naturwissenschaft übergegangen und der mit der Zufälligkeit fertig zu werden sucht, indem er sie überhaupt ableugnet. Nach dieser Auffassung herrscht in der Natur nur die einfache direkte Notwendigkeit. […] [A]lles das sind Tatsachen, die durch eine unverrückbare Verkettung von Ursache und Wirkung, durch eine unerschütterliche Notwendigkeit hervorgebracht sind […]. Mit dieser Art Notwendigkeit kommen wir auch nicht aus der theologischen Naturauffassung heraus. Ob wir das den ewigen Ratschluß Gottes mit Augustin und Calvin, oder mit den Türken das Kismet, oder aber die Notwendigkeit nennen, bleibt sich ziemlich gleich für die Wissenschaft. Von einer Verfolgung der Ursachenkette ist in keinem dieser Fälle die Rede, wir sind also so klug im einen Falle wie im andern, die sog. Notwendigkeit bleibt eine leere Redensart, und damit - bleibt auch der Zufall, was er war.“
(Engels, Friedrich, Dialektik der Natur, MEW Band 20, S. 487f.)


Zufälligkeit lässt sich nicht aus der Notwendigkeit heraus erklärt. Die Notwendigkeit degradiert zur Zufälligkeit. Zusammenwürfelung von Naturgegenständen auf einem bestimmten Gebiet (auf der ganzen Erde) bleibt bei aller Urdetermination dennoch zufällig.

„Die Zufälligkeit ist also hier nicht aus der Notwendigkeit erklärt, die Notwendigkeit ist vielmehr heruntergebracht auf die Erzeugung von bloß Zufälligem. Wenn das Faktum, daß eine bestimmte Erbsenschote sechs Erbsen enthält und nicht fünf oder sieben, auf derselben Ordnung steht, wie das Bewegungsgesetz des Sonnensystems oder das Gesetz der Verwandlung der Energie, dann ist in der Tat nicht die Zufälligkeit in die Notwendigkeit erhoben, sondern die Notwendigkeit degradiert zur Zufälligkeit. Noch mehr. Die Mannigfaltigkeit der auf einem bestimmten Terrain nebeneinander bestehenden organischen und anorganischen Arten und Individuen mag noch so sehr als auf unverbrüchlicher Notwendigkeit begründet behauptet werden, für die einzelnen Arten und Individuen bleibt sie, was sie war, zufällig. Es ist für das einzelne Tier zufällig, wo es geboren ist, welches Medium es zum Leben vorfindet, welche und wie viele Feinde es bedrohen. Es ist für die Mutterpflanze zufällig, wohin der Wind ihren Samen verweht, für die Tochterpflanze, wo das Samenkorn Keimboden findet, dem sie entstammt, und die Versicherung, daß auch hier alles auf unverbrüchlicher Notwendigkeit beruhe, ist ein pauvrer [ärmlicher] Trost. Die Zusammenwürfelung der Naturgegenstände auf einem bestimmten Gebiet, noch mehr, auf der ganzen Erde, bleibt bei aller Urdetermination von Ewigkeit her doch, was sie war -zufällig.“
(Engels, Friedrich, Dialektik der Natur, MEW Band 20, 487f.)


Der alte französische Materialismus ist in dreifacher Hinsicht beschränkt:

1. die Auffassung dieser Materialisten war "mechanisch", in dem Sinne das lediglich der Maßstab der Mechanik auf die Vorgänge der Natur angewandt wurden;

2. die Auffassung war metaphysisch, im Sinne einer antidialektischen Philosophie;

3. der Idealismus wurde auf dem Gebiet der Gesellschaftswissenschaft nicht überwunden.


„Und ebenda zählt Engels Punkt für Punkt die drei hauptsächlichen „Beschränktheiten" der französischen Materialisten des 18. Jahrhunderts auf, die er und Marx überwunden haben, von denen sich jedoch Büchner und Co. nicht frei machen konnten. Die erste Beschränktheit: die Auffassung der alten Materialisten war „mechanisch" in dem Sinne, daß sie ausschließlich den „Maßstab der Mechanik auf Vorgänge, die chemischer und organischer Natur sind", angewandt haben (S. 19). […] Die zweite Beschränktheit: der metaphysische Charakter der Auffassungen der alten Materialisten im Sinne einer „antidialektischen Weise des Philosophierens“. […] Die dritte Beschränktheit: die Beibehaltung des Idealismus „oben“, auf dem Gebiet der Gesellschaftswissenschaft, das Nichtbegreifen des historischen Materialismus.“
(Lenin, Wladimir Illjitsch: Materialismus und Empiriokritizismus. Kritische Bemerkungen über eine reaktionäre Philosophie, in: LW, Band 14, Berlin 1962, S.238f.)


Dialektischer Determinismus[Bearbeiten]

Es gibt keine automatische Wirkung der ökonomischen Lage. Vielmehr machen die Menschen ihre Geschichte selbst. Dies allerdings in einem gegebenen, sie bedingenden Milieu, auf Grundlage vorgefundener Verhältnisse. In diesen vorgefundenen Verhältnissen bildet die ökonomische Lage, so sehr sie auch von der übrigen politischen und ideologischen beeinflusst wird, in letzter Instanz die entscheidenden. Sie bildet den roten Faden. Das bestimmende Moment der Geschichte ist die Produktion und Reproduktion des Lebens. Auch der Überbau wirkt auf geschichtliche Kämpfe ein. Er bestimmt in vielen Fällen deren Form. Die Momente des Überbaus stehen in Wechselwirkung, worin schließlich durch alle die unendliche Menge von Zufälligkeiten (Zusammenhang der Dinge ist entfernt oder unnachweisbar) als Notwendiges die ökonomische Bewegung durchsetzt.

„Es ist also nicht, wie man sich hier und da bequemerweise vorstellen will, eine automatische Wirkung der ökonomischen Lage, sondern die Menschen machen ihre Geschichte selbst, aber in einem gegebenen, sie bedingenden Milieu, auf Grundlage vorgefundener tatsächlicher Verhältnisse, unter denen die ökonomischen, sosehr sie auch von den übrigen politischen und ideologischen beeinflußt werden mögen, doch in letzter Instanz die entscheidenden sind und den durchgehenden, allein zum Verständnis führenden roten Faden bilden.“
(Engels, Friedrich, Brief an W. Borgius in Breslau, MEW Band 39, S.206)


„Nach materialistischer Geschichtsauffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte die Produktion und Reproduktion des wirklichen Lebens.“
(Engels, Friedrich, Brief an Bloch MEW Band 37, S.462)


„Die ökonomische Lage ist die Basis, aber die verschiedenen Momente des Überbaus–politische Formen des Klessenkampfs und seine Resultate–Verfassungen, nach gewonnener Schlacht durch die siegende Klasse festgestellt usw.–Rechtsformen, und nun gar die Reflexe aller dieser wirklichen Kämpfe im Gehirn der Beteiligten, politische, juristische, philosophische Theorien, religiöse Anschauungen und deren Weiterentwicklung zu Dogmensystemen, üben auch ihre Einwirkung auf den Verlauf der geschichtlichen Kämpfe aus und bestimmen in vielen Fällen vorwiegend deren Form. Es ist eine Wechselwirkung aller dieser Momente, worin schließlich durch alle die un-endliche Menge von Zufälligkeiten (d.h. von Dingen und Ereignissen, deren innerer Zusammenhang untereinander so entfernt odar so unnachweisbar ist, daß wir ihn als nicht vorhanden betrachten, vernachlässigen können) als Notwendiges die ökonomische Bewegung sich durchsetzt. Sonst wäre die Anwendung der Theorie auf eine beliebige Geschichtsperiode ja leichter als die Lösung einer einfachen Gleichung ersten Grades.“
(Engels, Friedrich: Brief an Bloch, MEW Band 37, S.463)


Der Mensch findet ein geschaffenes Verhältnis zur Natur und der Individuen zueinander vor, welches von einer vorherigen Generation überliefert wird. Die Menschen machen die Geschichte selbst unter sehr bestimmten Voraussetzungen und Bedingungen. Die neue Generation findet eine Masse von Produktivkräften, Kapitalien und Umständen vor, welche sie zwar modifiziert, andererseits ihr auch die Lebensbedingung vorschreibt und der neuen Generation eine bestimmte Entwicklung, einen speziellen Charakter gibt. Die ökonomischen Voraussetzungen und Bedingungen sind die entscheidenden. Allerdings spielt der gesellschaftliche Überbau im historischen Prozess auch eine Rolle. Die Entwicklung der Politik, des Rechts, der Philosophie, der Religion, der Literatur und der Kunst etc. beruhen auf der ökonomischen. Dennoch reagieren sie auch alle aufeinander und auf die ökonomische Basis. Die ökonomische Lage ist nicht Ursache, allein aktiv und alles andere nur passive Wirkung. Es ist eine Wechselwirkung auf deren Grundlage sich stets in letzter Instant die ökonomische Notwendigkeit durchsetzt. Die materiellen Umstände machen die Menschen, wie die Menschen die Umstände machen. Das Resultat der Geschichte ist das Ergebnis des Konfliktes von Einzelwillen. Das Resultat wirkt bewusstlos und willenlos.

„[…] daß in ihr auf jeder Stufe ein materielles Resultat, eine Summe von Produktionskräften, ein historisch geschaffnes Verhältnis zur Natur und der Individuen zueinander sich vorfindet, die jeder Generation von ihrer Vorgängerin überliefert wird, eine Masse von Produktivkräften, Kapitalien und Umständen, die zwar einerseits von der neuen Generation modifiziert wird, ihr aber auch andrerseits ihre eignen Lebensbedingungen vorschreibt und ihr eine bestimmte Entwicklung, einen speziellen Charakter gibt - daß also die Umstände ebensosehr die Menschen, wie die Menschen die Umstände machen.“
(Marx, Karl/Engels, Friedrich, Die deutsche Ideologie, MEW Band 3, S.38)


„Wir machen unsere Geschichte selbst, aber erstens unter sehr bestimmten Voraussetzungen und Bedingungen. Darunter sind die ökonomischen die schließlich entscheidenden. Aber auch die politischen usw., ja selbst die in den Köpfen der Menschen spukende Tradition, spielen eine Rolle, wenn auch nicht die entscheidende.“
(Engels, Friedrich, Brief an Bloch MEW Band 37, S.463)


„Zweitens aber macht sich die Geschichte so, daß das Endresultat stets aus den Konflikten vieler Einzelwillen hervorgeht, wovon jeder wieder durch eine Menge besonderer Lebensbedingungen zu dem gemacht wird, was er ist; es sind also unzählige einander durchkreuzende Kräfte, eine un-endliche Gruppe von Kräfteparallelogrammen, daraus eine Resultante-das geschichtliche Ergebnis-hervorgeht, die selbst wieder als das Produkt einer, als Ganzes, bewußtlos und willenlos wirkenden Macht angesehen werden kann.“
(Engels, Friedrich, Brief an Bloch, MEW Band 37, S.464)


„Die politische, rechtliche, philosophische, religiöse, literarische, künstlerische etc. Entwicklung beruht auf der ökonomischen. Aber sie alle reagieren auch aufeinander und auf die ökonomische Basis. Es ist nicht, daß die ökonomische Lage Ursache, allein aktiv ist und alles andere nur passive Wirkung. Sondern es ist Wechselwirkung auf Grundlage der in letzter Instanz stets sich durchsetzenden ökonomischen Notwendigkeit.“
(Engels, Friedrich, Brief an W. Borgius in Breslau, MEW Band 39, S.206)


Die Produktivkräfte erscheinen als unabhängig von den Individuen. Der Grund hierfür ist, dass die Individuen, deren Kräfte sie sind, zersplittert und in einem Gegensatz zueinander existieren und die Produktivkräfte nur im Verkehr und Zusammenhand der Individuen wirkliche Kräfte sind.

„Erstens erscheinen die Produktivkräfte als ganz unabhängig und losgerissen von den Individuen, als eine eigne Welt neben den Individuen, was darin seinen Grund hat, daß die Individuen, deren Kräfte sie sind, zersplittert und im Gegensatz gegeneinander existieren, während diese Kräfte andererseits nur im Verkehr und Zusammenhang dieser Individuen wirkliche Kräfte sind.“
(Marx, Karl/Engels, Friedrich, Die deutsche Ideologie, MEW Band 3, S.67)


Die Geschichte verläuft wie ein Naturprozess und ist wesentlich denselben Bewegungsgesetzen unterworfen. Einzelwillen sind letztlich ökonomisch getrieben. Einzelwillen erreichen nicht was sie wollen, sondern sie kommen zu einem Gesamtdurchschnitt. Sie verschmelzen zu einer gemeinsamen Resultante. So trägt jeder zur Resultante bei und ist in ihr einbegriffen.

„So verläuft die bisherige Geschichte nach Art eines Naturprozesses und ist auch wesentlich denselben Bewegungsgesetzen unterworfen. Aber daraus, daß die einzelnen Willen-von denen jeder das will, wozu ihn Körperkonstitution und äußere, in letzter Instanz ökonomische Umstände (entweder seine eignen persönlichen oder allgemein-gesellschaftliche) treiben-nicht das erreichen, was sie wollen, sondern zu einem Gesamtdurchschnitt, einer gemeinsamen Resultante verschmelzen, daraus darf doch nicht geschlossen werden, daß sie gleich 0 zu setzen sind. Im Gegenteil, jeder trägt zur Resultante bei und ist insofern in ihr einbegriffen.“
(Engels, Friedrich, Brief an Bloch, MEW Band 37, S.464)


Die gegenwärtige Gesellschaftsordnung ist notwendig. Aus dieser Notwendigkeit geht die Notwendigkeit einer anderen Gesellschaftsordnung hervor. Dies ist unabhängig vom Wollen der Menschen. Gesellschaftliche Bewegung ist von Gesetzen gelenkt. Diese Gesetze sind unabhängig vom Wollen der Menschen und bestimmen das Wollen der Menschen.

„Hierzu ist vollständig hinreichend, wenn er mit der Notwendigkeit der gegenwärtigen Ordnung zugleich die Notwendigkeit einer anderen Ordnung nachweist, worin die erst unvermeidlich übergehen muß, ganzgleichgültig, ob die Menschen das glauben oder nichtglauben, ob sie sich dessen bewußt oder nicht bewußt sind.[...]

Marx betrachtet die gesellschaftliche Bewegung als einen naturgeschichtlichen Prozeß, den Gesetze lenken, die nicht nur von dem Willen, dem Bewußtsein und der Absicht der Menschen unabhängig sind, sondern vielmehr umgekehrt deren Wollen, Bewußtsein und Absichten bestimmen.“
(Marx, Karl, Das Kapital Band 1, MEW Band 23, S.26)


Der Kommunismus ist kein Ideal, nach welchem sich die Wirklichkeit richten soll. Der Kommunismus ist die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung. Die Negation des kapitalistischen Produktion produziert sich selbst, mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses. Jede Stufe der Gesellschaft ist notwendig, solange die Bedingungen, welche diese Gesellschaft hervorrufen, bestehen. Durch neue Bedingungen wird die Gesellschaft hinfällig. Diese höheren Bedingungen entwickeln sich allmählich im Schoß der alten Gesellschaft.

„Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung.“
(Marx, Karl/Engels, Friedrich, Die deutsche Ideologie, MEW Band 3, S.35)


„Erst jetzt, nachdem Marx mit seinem historisch-ökonomischen Beweis fertig ist, fährt er fort: „Die kapitalistische Produktions- und Aneignungsweise, daher das kapitalistische Privateigentum, ist die erste Negation des individuellen, auf eigne Arbeit gegründeten Privateigentums. Die Negation der kapitalistischen Produktion wird durch sie selbst, mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses, produziert. Es ist Negation der Negation usw.".“
(Engels, Friedrich, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, MEW Band 20, S.125)


„Jede Stufe [in der Geschichte] ist notwendig, also berechtigt für die Zeit und die Bedingungen, denen sie ihren Ursprung verdankt; aber sie wird hinfällig und unberechtigt gegenüber neuen, höhern Bedingungen, die sich allmählich in ihrem eignen Schoß entwickeln [...].“
(Engels, Friedrich: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, in: MEW, Band 21, Berlin 1979, S. 267.)